Ausgabe Januar 2024: Auslese. Marias Bücherblog

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Echt?
Echtzeit?
Zeitalter?
Echt, Alter?
Tonio Schachingers „Echtzeitalter“

 

Würde man es anders machen wollen als die meisten, die „Schachinger“ und „das angebliche Marianum“ in einem Satz nennen, dann redete man vorerst einmal nicht davon, dass das Marianum in Wirklichkeit doch das … ist und dass Dolinar der … sein könnte – oder doch der …? Womöglich ist das völlig unwichtig, wenngleich es für allgemeine Aufregung sorgt und so das Lese- (und damit Kauf-)interesse anregt.

In der Rede, die zur Würdigung der Verleihung des Deutschen Buchpreises gehalten wurde heißt es, dass „Echtzeitalter“ nur bedingt ein Schulroman und vielmehr doch ein Gesellschaftsroman sei, und dass er von der Suche nach einem Ort für Phantasie und Freiheit erzähle: „Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur.“

Das „Marianum“, das Computerspiel, der Professor Dolinar, die Raucherecke, die Drogenexperimente, der erste Sex, der starre Literaturkanon sind am Ende weiter nichts als Transportbehälter für viel wichtigere Themen. Und die sind an der Schule im „Schloss mit der schönbrunnergelben Fassade und der graugelben Rückseite“ (man bemerke die Außen-Innen-Diskrepanz!) nur auf den ersten Blick andere als anderswo. „Transportbehälter“ wie prosaisch! Um im Bild zu bleiben: Ein Turnsackerl ist ein Turnsackerl. Egal ob von Dolce & Gabbana oder aus dem 1-Euro-Markt. Drin ist die gleiche schülerangstschweißige Sammlung von Unsicherheiten „Wie überstehe ich das?“, „Was, wenn aufkommt, dass ich meine Hausaufgabe nicht gemacht habe?“ (nicht wenige Erwachsene haben lebenslang entsprechende Alpträume). Oder: „Wer bin ich für mich, wer für die anderen, wer will ich sein und wer kann ich werden?“ „Wer hindert mich daran und wer unterstützt mich?“ Einsamkeit fühlt sich überall klamm an. Höhenflug ist überall bunt. Eine Gegenwelt wird überall gebraucht, egal ob in der Dolce-&-Gabbana-Welt oder in der 1-Euro-Laden-Welt. Die Rückseite ist immer graugelb, egal wie prächtig die Fassade ist.

Der Titel „Echtzeitalter“ verweist auf die Echtzeit und ein Zeitalter. Zuerst einmal „Echtzeit“ oder noch besser das „Echtzeit-Strategiespiel“ das da heißt „Age of Empires 2“. Ein Spiel, in dem interaktiv alle Spielteilnehmer ihre Aktionen den Aspekten eines strategischen Spieles unterworfen sind. Herrscher, Befehlsgewalt, Kolonien, Sklaven… alle sind sie da im Empire. Wie im richtigen Leben – oder ist das Spiel wirklicher als das wirkliche Leben? Problemanalyse und -diagnose, Aufstellen von Handlungsalternativen und Implementieren der richtigen Maßnahme). Und was ist das Setting „Schule“ denn, wenn nicht das? Goethes „Wilhelm Meister“, Friedrich Torbergs „Der Schüler Gerber“ und „tschick“ von Wolfgang Herrndorf… das Thema ist immer und überall relevant.

Die Aufgabe des Spielers besteht darin, die richtige Maßnahme zur richtigen Zeit am richtigen Ort durchzuführen, um das Spielziel zu erreichen. Wer gewinnt, wer verliert? Wer ist Spielfigur, wer ist Spielleiter? Das Spielziel jedenfalls ist das Im-Spiel-Bleiben und dabei altern: Aus den „Firsties“, den Erstklässlern werden schließlich die Maturantinnen und Maturanten. Und dann beginnt das Spiel wieder von vorn. Und das Zeitalter? Rezensenten sprechen von einem „Coming-of-Age“-Roman, einem Roman vom Heranwachsen, vom Erwachsenwerden also. Früher hätte man es Entwicklungsroman genannt.

Die Harry-Potter-Romane zeigen, dass abseits der „richtigen Welt“ ungeahnte Möglichkeiten vorhanden sind. In Schachingers Roman ist es das Spiel, das diese Gegenwelt bietet. Es hebt den Protagonisten hoch hinauf, lässt ihn zum Besten werden und rund um den Globus wirksam agieren. Das Neue an der von Schachinger geschilderten Gegenwelt ist somit die zusätzliche Dimension der Reichweite und der Anonymität. Ansonsten wäre die Gegenwelt „Age of Empire 2“ sofort durch tiefe Gläubigkeit, das Faszinosum des Cellospiels bzw. den Sport, Suchtgift oder Anderes ersetzbar. Der Schüler Till Kokorda lebt jedenfalls in einer eigenen Welt, die er am Ende mit niemandem teilt. Aber nachdem die Corona-Matura abgelegt ist und einer sagt „Es war schon super eigentlich“ und Till antwortet „Spinnst du?… Es war die Hölle, du Idiot!“ dann ist das wahr und auch wieder nicht wahr: Versonnenes Kopf-Wiegen, Lächeln, Erinnern – „Je suis Till!“ Und Sie?

Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Hamburg: Rowohlt, 2023. Deutscher Buchpreis 2023. Hardcover, Gebundene Ausgabe: € 24,00/ E-Book: € 19.99/ Audio-CD: € 30,00/ Hörbuch € 25,00

Bei Interesse: Unter https://www.arte.tv/de/videos/117293-000-A/deutscher-buchpreis-2023-echtzeitalter-von-tonio-schachinger/ sind auf ARTE (Fokus Literatur) eine Kurzdokumentation und ein Autor-Statement abrufbar.