Exponate aus der Wunderkammer.
Zu Christl Grellers
„Tagsätze zur Nicht- oder Bewältigung. Poetische Notate“
Wer 18. Juni 2026 in der Österreichischen Kulturvereinigung anlässlich der Finissage „Die 7 Todsünden“ oder „Satans (un)gelegte Eier“ (Bilder von Milu Löff-Löffko, Gesang Kathrin Zirbs-Gansterer, Texte von Christl Greller) die Autorin Christl Greller kennenlernen durfte, hat sich bereits ein Bild machen können: Literarisches vom Feinsten!
Die Bandbreite der Autorin ist groß und umfasst u.a. den im Jahr 2025 im burgenländischen Verlag Edition Lex Liszt 12 erschienene Band „Tagsätze zur zur Nicht- oder Bewältigung. Poetische Notate“. Die vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin hat eine Art lyrisches Tagebuch konzipiert, das über mehrere Jahre hinweg entstanden ist. Während die Welt am 1. Jänner den Neubeginn feiert, setzt Greller ihre poetische Sonde ganz woanders an: am 18. Dezember. Mitten in der dunklen Vorweihnachtszeit beginnt ihre Inventur der Augenblicke. „Aber ist nicht jeder Tag der Beginn eines neuen Jahres?“, fragt sie im Eintrag für den 26. September. Dieser bewusste Bruch mit der Kalenderlogik ist Programm. Greller geht es nicht um die lineare Abfolge von Tagen, sondern um das Schürfen in den Schichten der Zeit.
Dass die Einträge aus verschiedenen Jahren stammen und erst in der Montage zu einem fiktiven „Jahr“ verschmelzen, macht das Buch zu einem Vexierspiel. Wir lesen kein klassisches Tagebuch, sondern die Quintessenz eines Beobachterlebens. Der Titel „Nicht- oder Bewältigung“ ist dabei als Arbeitsanweisung zu verstehen. Wo andere versuchen, das Erlebte durch Sprache zu ordnen und damit „abzuhaken“, lässt Greller die Risse offen. Ihre Notate sind das Protokoll eines wachen Geistes, der sich weigert, die Komplexität des Lebens auf eine einfache Pointe zu reduzieren. Es ist ein Plädoyer für das Offenbleiben und ein Widerstand gegen die allgegenwärtige Selbstoptimierung: Das Leben muss nicht bezwungen werden, um sinnvoll darüber zu schreiben.
In dieser formalen und inhaltlichen Offenheit gleicht der Band einer literarischen Wunderkammer. Historische Wunderkammern der Renaissance und des Barock folgten keiner strengen, rational-wissenschaftlichen Systematik; sie waren vielmehr assoziative Sammlungen, die das Ungleichartige, das Kuriose und das Kostbare unvermittelt nebeneinanderstellten. Greller füllt diese Tradition jedoch mit ganz eigener Substanz: In ihrer Wunderkammer finden sich nicht getrocknete Muscheln, ausgestopfte Tiere oder exotische Pflanzen, sondern fein geschliffene Kleinode der Ereignisse, Momente des Innehaltens und Raritäten des Alltäglichen. Genau dieses Prinzip der kontrastreichen Nachbarschaft macht sich die Autorin zunutze. Ihre Notate sind die Exponate einer ganz persönlichen Inventur der Welt. Da steht direkt neben der flüchtigen Alltagsskizze die große, existenzielle Erschütterung: „Es ist fünf Uhr früh… Ein leises Klopfen kommt näher… ein Läufer…“, heißt es am 9. November; am nächsten Tag wird notiert: „Dann aber der russische Freak, der heimlich Frauenleichen ausgrub…“. Indem die Autorin diese Fragmente in einer sorgsam komponierten Montage sammelt, entzieht sie sich dem modernen Zwang zur Kategorisierung. Ein Ordnen im Sinne einer wissenschaftlichen oder gar therapeutischen Katalogisierung würde bedeuten, das Erlebte zu „bewältigen“ – es also mundtot zu machen, einzusperren und abzuhaken. Grellers Wunderkammer hingegen bewahrt das Staunen über die Widersprüchlichkeit des Daseins. Erst in der Gesamtschau und im bewussten Nebeneinander dieser disparaten Teile entfaltet das Buch jene faszinierende, fast magische Wirkung, die den Leser dazu einlädt, selbst zum Sammler und Beobachter seiner eigenen verstreuten Zeit zu werden.
Es lohnt sich, tiefer in die Struktur und die Sprachphilosophie einzutauchen. Bei der Premierenlesung hörte ich die Unterhaltung zwischen zwei Damen: „Ach so, jetzt kapiere ich erst: TAGSÄTZE, wie bei den Reisekosten“. Ein Aha-Moment, der die signierende Autorin sicher erfreut hätte – denn da sind wir mitten im Sprachspiel: literarisches Schreiben als systematische Erfassung, Analyse und Protokollierung von Handlungen. Der 5. Jänner wird so erlebt: „Katzenbesitzer zum Gast vor dem Besuch: Bitte keine Blumen. Die Katze frisst sie“. Nicht mehr und nicht weniger wird gesagt…
Und dann begegnet dem Leser etwas, das sich erst in der haptischen und visuellen Konfrontation mit dem gedruckten Buch ganz entfaltet: Fünf verschiedene Schriftarten fungieren hier als eigenständige visuelle Stimmen. Christl Greller nutzt dieses typografische Arrangement jedoch nicht als bloßes Dekorationselement, sondern als strukturelles Ordnungs- und zugleich Desorientierungsprinzip. Immer wieder wechselt die Schriftart. Wer nun versucht, ein klares, logisches System hinter diesen Wechseln zu entschlüsseln – etwa eine feste Zuordnung bestimmter Schriften zu bestimmten emotionalen Zuständen, Themenkomplexen oder Zeitebenen –, wird bald merken, dass dieses Prinzip für den Außenstehenden undurchschaubar bleibt. Genau in dieser Verweigerung einer rationalen Entschlüsselung liegt jedoch die literarische Stärke des Verfahrens. Die Typografie spiegelt formal das wider, was der Inhalt thematisiert: die prinzipielle Unvollständigkeit und das Fragmentarische unserer Existenz. Es entsteht eine faszinierende Vielstimmigkeit, ein polyphoner Chor, der sich einer simplen Harmonisierung widersetzt. Obwohl das klassische Layout einer Rezension nur eine einzige Schriftart erlaubt, beginnt man beim Lesen unwillkürlich Stimmen im Kopf zu hören. Sie wechseln sich im unvorhersehbaren Takt der Tage ab und machen das Lesen zu einer echten, mitunter detektivischen „Archäologie der Augenblicke“. Greller zwingt uns dadurch zu einer verlangsamten, aufmerksamen Rezeption. Man liest nicht nur den Text, man liest die Schichtung der Zeit und die Gleichzeitigkeit verschiedener innerer Ich-Zustände, die sich weigern, in einer einzigen, glatten Erzählstimme aufzugehen.
Hinter dieser Struktur verbirgt sich eine virtuose „Mikroskopie des Alltags“. Greller erweist sich als Architektin des Augenblicks; ihr Blick gleicht einem Präzisionsinstrument, das im Sekundentakt den Fokus wechselt. Sie zoomt so nah an das Alltägliche heran, bis das Banale existenzielle Risse bekommt. Dabei spannt sie den Bogen von biblischer Tragik bis hin zu unfreiwilliger Komik. Einmal streift sie existenzielle Erschütterungen, um wenig später mit trockenem Humor die Absurdität eines banalen Ereignisses zu entlarven. Besonders mag ich den 9. März: „ich öffne nachts das Fenster – und von unten schaut mir der Vollmond ins gesicht. Momentan habe ich gezuckt, aber: Unter mir ist unterm Glasdach, also ein Spiegel. Der echte Vollmond stand dort, wo er hingehört.“
Diese Wechselwirkung macht die „Nicht-Bewältigung“ aus: Wir bewältigen das Leben deshalb nicht, weil Katastrophen oft lächerlich klein beginnen und komische Momente einen tragischen Kern haben. Greller hält diese Balance aus, ohne sie aufzulösen. Die Sprache flieht dabei nie in die reine Melancholie, sondern findet stets einen rettenden Anker in der Ironie.
Am Ende dieses lyrischen Kalenderjahres steht keine glatte Heilung, sondern die Erkenntnis, dass das Notieren selbst der sicherste Boden unter den Füßen ist. Das Buch schenkt den Mut, die Welt so fragmentarisch und ungelöst stehenzulassen, wie sie uns jeden Morgen begegnet. Poesie wohnt hier nicht im Elfenbeinturm, sondern im schmalen Spalt zwischen dem Erhabenen und dem Absurden.
In einem Interview auf literadio sprach Christl Greller treffend von einem „Festmachen der Zeit“. Mit einem Haiku aus meiner Feder, das der Autorin gewidmet ist, möchte ich ihr für ihre poetischen Notate danken:
Kalenderblätter:
wenn sie fallen, zerknüll keins –
denn Zeit ist wertvoll.
Es ist ihr eine großartige Inventur der menschlichen Existenz gelungen. Greller kündigt für den Herbst 2026 bereits ihr nächstes Werk an: den Erzählband „Zerkratzte Landschaft“, auf den wir gespannt sein dürfen. Was sie darüber hinaus an Werken geschaffen hat, ist unter www.greller.at verzeichnet.
Wer aber die Tagsätze nicht nur als Leser*in, sondern im persönlichen Kontakt mit Greller erleben möchte, wird dazu im April 2027 in der Österreichischen Kulturvereinigung die Möglichkeit dazu haben.
Christl Greller: Tagsätze zur Nicht- oder Bewältigung. Poetische Notate. 160 Seiten, broschiert. Oberwart: Edition Lex Liszt 12, 2025. ISBN: 978-3-99016-302-3. Preis: 19,50 €. Coverbild: Yoly Maurer.

