Ausgabe Juli 2026: Auslese. Marias Bücherblog

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Maria Lehner:

Dem Franz Fiala stinkt’s!

Eine Reflexion über Robert Menasses Novelle „Lebensentscheidung“

„Der Gestank. Die Stille. Als wäre die Stadt tot und würde verwesen …“
Robert Menasse, Die Lebensentscheidung, S. 13

Dieser Satz markiert nicht nur den atmosphärischen Auftakt, sondern bildet das pulsierende, fast physisch spürbare Zentrum des Werks. Jauche, von protestierenden Bauern auf der Brüsseler Rue de la Loi ausgegossen, kriecht unaufhaltsam in ein steriles, klimatisiertes Büro der EU-Kommission. Der Geruch von Tod, Verwesung und ungeschönter, animalischer Natur ist eine olfaktorische Provokation im hochglanzpolierten, gläsernen Brüsseler Verwaltungsviertel. Franz Fiala, ein langjähriger EU-Beamter, der sein Leben dem Entwurf von Richtlinien und der Verwaltung von Kompromissen gewidmet hat, empfindet tiefen, existenziellen Ekel.

Doch dieser Ekel geht über ein bloßes körperliches Unbehagen hinaus; er fungiert als Katalysator und fordert eine radikale Entscheidung. Es genügt nicht mehr, das Fenster zu schließen, die Klimaanlage höher zu drehen oder die Nase rümpfend abzuwenden; Fiala wird durch diesen Geruch daran erinnert, dass er selbst ein biologisches Wesen ist, das der Verwesung anheimfallen kann. Hier beginnt das „unerhörte Ereignis“, wie Goethe die Gattung der Novelle einst definierte, seine subversive Wirkung zu entfalten. Während für Fiala „das tägliche laute Rauschen abgeschaltet“ ist, bricht das Reale ungefiltert in ein Leben ein, das bisher auf diplomatischer Distanz, bürokratischer Ordnung und kühler Rationalität basierte. Der Gestank wird zum Einbruch des Unverfügbaren in ein scheinbar geordnetes Dasein.

Zunächst scheint „Die Lebensentscheidung“ nicht eindeutig als klassische Novelle erkennbar. Doch bei näherem Hinsehen erfüllt der Text virtuos die formalen Kriterien der Gattung. Das Leitzitat enthält bereits jene plötzliche Wendung, die Fialas Lebensweg radikal aus der Bahn wirft. Die „unerhörte Begebenheit“ liegt dabei nicht allein in seinem Entschluss, dem EU-Apparat den Rücken zu kehren, sondern in einer schicksalhaften, fast ironischen Doppelung: Der abrupten Kündigung folgt fast zeitgleich die erschütternde Krebs-Diagnose. Fiala, der eigentlich den erwartbaren Tod seiner 89-jährigen Mutter im fernen Wien „aussitzen“ wollte, wird nun von der eigenen Sterblichkeit überholt. Die Krankheit verwandelt sich in einen Erkenntnisraum, der unerbittlich Wahrheit fordert und doch gleichzeitig neue, verzweifelte Fluchtwelten der Selbsttäuschung gebiert. Menasse zeigt hier meisterhaft: Der Körper weiß oft mehr als der intellektuelle Kopf…

Die Figurenkonstellation ruht auf dem psychologischen Dreieck zwischen Franz Fiala, seiner Mutter und seiner Partnerin Nathalie. Besonders die Beziehung zu Nathalie offenbart Fialas Unfähigkeit, echte Intimität jenseits von gewohnten Routinen zuzulassen. Nathalie steht für eine Form von moderner, pragmatischer Partnerschaft, die perfekt funktioniert, solange das System der Funktionalität intakt bleibt. Sie teilen sich den Alltag wie zwei hocheffiziente Zahnräder in einer Maschine. Doch sobald Fiala mit seiner Endlichkeit konfrontiert wird, zieht er sich vor ihr in ein Schweigen zurück, das er als Schonung tarnt, das aber in Wahrheit eine Form der feigen Isolation ist.

Die Distanz, die er beruflich so perfekt beherrscht, wird in der privaten Sphäre zur unüberwindbaren Mauer. Nathalie versucht, ihn zu erreichen. Vergebens, da Fiala bereits innerlich emigriert ist. Hier zeigt Menasse die dunkle Seite der bürokratischen Persönlichkeit: Wer gelernt hat, Gefühle in Aktenvermerke zu übersetzen, verlernt die Sprache der nackten Angst. Nathalie wird so zum Spiegelbild seiner eigenen Entfremdung; sie ist die Zeugin eines Lebensentwurfs, den er nun selbst als hohl empfindet.

Die Mutter ist Ankerpunkt, moralischer Maßstab und Projektionsfläche zugleich. Fialas instinktiver Wunsch, sie vor der Grausamkeit der Realität zu schützen, führt ihn direkt in eine paradoxe „Ethik der Lüge“. Er möchte ihr die Wahrheit über seinen Zustand ersparen – ein vermeintlich altruistischer Akt, der ihn jedoch in ein moralisches Labyrinth führt, das Menasse mit chirurgischer Präzision ausleuchtet. Die Mutter verkörpert eine Generation, die mit der Endlichkeit des Lebens, mit Krankheit und physischem Verfall, weitaus vertrauter und versöhnter ist als ihre Kinder. Ihr nüchterner, fast stoischer Umgang mit der eigenen Gebrechlichkeit kontrastiert scharf mit Fialas panischer Verdrängungsarbeit. In ihrer Figur bündelt Menasse ein wesentliches Stück österreichischer Mentalitätsgeschichte: eine Haltung, die durch die Härten der Nachkriegszeit geformt wurde und eine stille, ungebrochene Würde bewahrt, die ohne große Worte auskommt. Gerade dieser Kontrast macht die gut gemeinte Lüge des Sohnes so tragisch und einsam – er unterschätzt die Kraft der alten Frau, weil er seine eigene Schwäche nicht erträgt. Erfreulich kitschfrei erzählt Menasse – eine große Leistung!

Die Komposition der Erzählung bleibt dabei bewundernswert straff und konzentriert. Menasse verzichtet auf ablenkende Nebenhandlungen oder ausufernde psychologische Exkurse. Er nutzt die Novellenform als Instrument der Verdichtung. Als zentrales Dingsymbol fungiert die „Zeit“. Kalender, Uhren, Fristen und Termine tauchen motivisch immer wieder auf und markieren unerbittlich das Verrinnen des Lebens. Die Zeit wird zum eigentlichen Antagonisten: Fiala kämpft am Ende nicht gegen den Tod an sich, sondern gegen die tickende Uhr – und gegen die schmerzhafte Erkenntnis, dass sich ein Leben nicht nach den Kriterien einer EU-Deadline ordnen lässt. Besonders faszinierend ist die topographische Spannung des Textes: Brüssel, die Stadt der Glasfassaden und der kontrollierten Zukunft, steht gegen Wien, die Stadt der Friedhöfe, der Kaffeehäuser und der verklärten Vergangenheit. Menasse verknüpft Fialas individuelles Schicksal dabei geschickt mit dem großen Narrativ „Europa“.

An dieser Stelle fragt sich die Leserin oder der Leser zu Recht, und möglicherweise enttäuscht: Wie hält es Menasse als Privatmensch mit der EU? Hat sich die Rolle des EU-Cheferklärers, der er war in die des zutiefst enttäuschten Liebhabers des Projekts „geeintes Europa“ gewandelt? Die alte Ordnung zerbricht; war es in der Wiener Moderne der Untergang der Habsburgermonarchie, den Franz Werfel 1927 in seinem „Tod des Kleinbürgers“ so eindringlich beschrieb, so ist es heute das Ideal eines integrierten, stabilen und scheinbar unsterblichen Europas, das Risse bekommt. Fiala bricht mit der Brüsseler Bürokratie und gleichermaßen mit der Illusion der unendlichen Planbarkeit. Ein solcher Umschwung rüttelt hart an Lesererwartungen. Wohl dem Literaten, der das wagt!

Politisches und individuelles Schicksal verschränken sich hier zu einer untrennbaren Einheit. Menasse bleibt seinem Lebensprojekt treu, Europa nicht als abstraktes politisches Konstrukt, sondern als menschlichen, ja körperlichen Erfahrungsraum zu schildern. Die EU-Bürokratie ist hier nicht seelenloses Monster, sondern fragile Konstruktion aus Menschen, die selbst brüchig, alternd und verletzlich sind. Fialas persönlicher Zusammenbruch spiegelt so einen kollektiven europäischen Erschöpfungszustand wider: das schwindende Vertrauen in die Versprechen von Stabilität und ewigem Fortschritt. Der „Gestank“ der Rue de la Loi ist der Geruch einer Realität, die sich nicht länger durch diplomatische Protokolle bändigen lässt.

Im Vergleich zu Menasses opulentem Gesellschaftspanorama „Die Hauptstadt“ (2017) ist die Gestaltung hier wesentlich intimer, beinahe kammerspielartig. Die großen Themen – Bürokratie, Verantwortung, europäische Identität – bleiben präsent, treten aber zugunsten einer radikalen existenziellen Dimension zurück. Die Novelle zwingt uns zur Konfrontation mit der Frage, wie viel Aufrichtigkeit wir uns selbst und unseren Nächsten in Momenten der Krise zumuten können. Fiala scheitert an der Wahrheit, weil er sie für unzumutbar hält – und wird dadurch zum tragischen Helden einer Moderne, die den Tod erfolgreich an den Rand gedrängt hat, nur um von ihm umso heftiger heimgesucht zu werden.

Am Ende steht die bittere, aber vielleicht auch befreiende Erkenntnis, dass sich das Leben jeder Regulation entzieht – sei es durch EU-Richtlinien oder durch den persönlichen Vorsatz, alles unter Kontrolle zu behalten. Die eigentliche „Lebensentscheidung“ besteht nach Menasse weniger im heroischen Wählen zwischen Optionen, sondern vielmehr im schmerzvollen Aushalten der Widersprüche und der eigenen Endlichkeit. Es ist ein schmales Buch von enormem Gewicht, das lange nachhallt und den Blick auf die eigene Lebenszeit schärft.

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle. Suhrkamp, 158 Seiten. ISBN 978-3-518-43274-7. Erschienen am 18. Februar 2026.