Politisch aufgeladene Landschaft, poetisch kartographiert:
Über Serhij Zadans „Die Erfindung des Jazz im Donbass“
Bücher, die hier vorgestellt werden, haben im Prinzip einen Österreichbezug. Diesmal ist es zum einen die tiefe Beziehung, die die „Österreich Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Kultur“ und die „Österreichische Kulturvereinigung“ als Kulturdrehscheiben lange Jahre für die Ukraine waren. Veranstaltungen und Reisen, die dem Kulturaustausch dienten, brachte uns das Land und die Lebensbedingungen seiner Bürger näher. Zahlreiche Initiativen in Kunst und Kultur, die die Ukraine mit Österreichverbinden, entstanden auf diesem Weg.
Am 25. Juli 2025 ist im Rahmen eines Festaktes während der Salzburger Festspiele derÖsterreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2025 an den ukrainischen Autor Serhij Zhadan verliehen worden. In der Begründung für die Auswahl des Autors, der vor wenigen Tagen (am 23. August 2025) seinen 51. Geburtstag gefeiert hat, heißt es:
„Es ist ein Zeichen der Hoffnung und das Merkmal eines erfolgreichen Widerstandes, dass der der Ukraine aufgezwungene Krieg hier die Stimme der Literatur aus den Angeln gehoben, aber letztlich doch nicht zum Schweigen gebracht hat.“
Zhadan promovierte nach dem Germanistikstudium über ukrainischen Futurismus. Er gilt seit den 1990ern als prägende Figur der literarischen Szene in Charkiw. Sein Werk umfasst zahlreiche Gedichtbände und Romane (mehr über ihn hier: https://www.suhrkamp.de/person/serhij-zhadan-p-5533# ). Es heißt, er sei seit 2024 Soldat in der Ukraine.
Der Literat, er wird uns unter mehreren Schreibweisen u.a. Serhij bzw. Serhii oder Serhyi Zhadan oder Schadan begegnen, verortet seine Erzählung in einer realen, aber mythisch aufgeladenen Landschaft, dem „Donbass“. Das Donezbecken ist gemeint, ein großes Steinkohle- und Industriegebiet beiderseits der russisch-ukrainischen Grenze. Dieser Donbass steht für ein proletarisches Ideal: Kohle, Stahl, Helden der Arbeit. Als ein kulturell „unterbelichtetes“ Randgebiet aber als wirtschaftlich bedeutend gilt die Region. Auch Zhadan selbst entstammt ihr, er ist in der Stadt Luhansk geboren. Heute ist der Donbass strategisches Bollwerk einerseits und traumatisierter Raum zwischen ukrainischer Selbstbehauptung und russischer Einflussnahme andererseits. Das bedeutet Leben in ständiger Verteidigungshaltung gegen Fremdbestimmung (stehen doch rund 88% des Gebiets unter russischer Kontrolle). Den Russen gilt er als Sprungbrett für weitere Offensiven, der Ukraine als Herzstück territorialer Integrität. Es ist erstaunlich, was da an Texten entstehen muss und kann. Wir reisen surreal-politisch durch die postindustrielle Steppe die, wie es scheint, sich selbst vergessen hat. Das alles aber ohne Pathos.
Uns begegnet mitunter lakonischer Witz, wie wir ihn auch von Volodymyr Rafejenkokennen: die Texte des russischsprachigen Autors aus dem Donbass, der nach 2014 auf Ukrainisch schreibt (etwa: Mondegrin, 2014) und dessen Texte durchzogen sind von schwarzem Humor und surrealer Komik. Wir erkennen aber bei Zhadan auch eineMischung aus literarischer Kraft und politischem Engagement wie bei der ukrainischen Schriftstellerin Tamara Duda mit dem Pseudonym „Tamara Horikha Zernya“; ihr Debütroman „Dozja“ (basiert auf eigenen Erfahrungen im Krieg und wurde mit dem renommierten Taras-Schewtschenko-Preis ausgezeichnet).
In Zhadans Roman unternimmt Hermann, ein junger Werbeunternehmer nach einem mysteriösen Anruf eine Reise: Sein Bruder, Betreiber einer Tankstelle am Rand der Steppe, ist verschwunden. Skurrilen Figuren begegnet er. Da ist „Ernst Thälmann“, der sich nach dem deutschen Kommunisten benennt und auf einem alten Flugplatz lebt. Er träumt vom Fliegen und verkörpert eine melancholische Nostalgie für vergangene Ideale.Die eigenwillige Buchhalterin Olha kreuzt seine Wege an der Tankstelle seines verschwundenen Bruders. Hermann verliebt sich in sie, und sie wird zur emotionalen Bezugsperson. Zwei Angestellte der Tankstelle halten den Betrieb aufrecht und sind Teil der absurden Realität, die Hermann vorfindet. Ein einheimischer Oligarch – Symbol für die brutale Machtverteilung im postsowjetischen Kapitalismus – versucht, die Tankstelle zu übernehmen. Nomadisierende Mongolen im EU-Camp stehen für die kulturelle und geopolitische Grenzverwirrung der Region. Und schließlich taucht Gloria Adams auf, eine geheimnisvolle amerikanische Jazzkomponistin und Anarchistin, deren Spur sich durch die Landschaft zieht und die als mythische Figur erscheint.
Damit wären wir beim Jazz: Was tut nun der dort im Donbass? Er oszilliert in einer Zwischenwelt von Realität und Illusion. Als tragendes Element, ohne dass er je gespielt würde. Er ist Wegweiser, der episodisch, ja beinahe filmisch, an die Ränder führt. Er steht als Metapher für Improvisation, Freiheit und Chaos (siehe auchwww.jugendstiftung.de/debatten/die-erfindung-des-jazz-im-donbass/ ). Genau das ist es, was die Figuren im postsozialistischen Donbass erleben: Grenzüberschreitung, bei der die Musik nur eine indirekte Rolle spielt.
Auf der Seite des PEN-Clubs (https://pen.org/voices-from-ukraine-and-belarus-part-i/)wird Zhadan, 2014 – ein Monat, nachdem er bei Unruhen in Kiew zusammengeschlagen worden ist – wie folgt zitiert: „Ich finde, es gibt Zeiten, in denen es einfach kriminell ist, am Schreibtisch zu sitzen und so zu tun, als ob vor dem eigenen Fenster nichts passiert“. Im gleichen Jahr noch wird er für den Roman mit dem Originaltitel „Die Erfindung des Jazz in Woroschilowgrad“ (das ist der alte Name für Luhansk) mit dem „Brücke-Berlin Literatur- und Übersetzerpreis“ ausgezeichnet und vom ukrainischen Dienst der BBC zum besten ukrainischen Buch des Jahrzehnts gewählt.
Diese Stelle im Buch (Seite 130f der zitierten Ausgabe) halte ich für eine Schlüsselstelle: Hermann trifft auf einem alten Flugplatz auf den melancholischen Träumer „Ernst Thälmann“:
„Flugzeuge brauchen die auch nur, um ihren Mais zu pflegen. Sie lieben die Luftfahrt nicht, Hermann. Für mich aber sind die Flugzeuge mehr als bloßer Lebensunterhalt… Und was ist aus unseren Träumen geworden wer hat unsere Fahrkarten in den Himmel gestohlen?“
Mehr ist an dieser Stelle nicht zu sagen, denn dies ist ein Buch, das sich nur peripher erklären lässt – ein Buch, das gelesen werden will.
Serhij Zhadan: Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. Berlin, Suhrkamp: 20223