Ausgabe Mai 2026: Auslese. Marias Bücherblog

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Maria Lehner:

Von flüchtigen Augenblicken im Zwielicht.

Zu Bernadette Némeths Roman „Im Schatten der Kraniche“

Der Titel beschreibt ein kurzes Verweilen im Übergang vom Licht zur Finsternis. In diesem Spannungsfeld verortet Bernadette Németh ihre Erzählung, die den Vogelzug als mächtiges Sinnbild für Wandlung, Wiederkehr und stete Bewegung nutzt. Im Nordburgenland nimmt das Geschehen seinen eindringlichen Anfang, getragen von der Dynamik des Aufbruchs. Doch jener Schwarm bildet, wie wir später erfahren, „eine absolute Ausnahme“ (S. 292). Was, wenn gerade diese seltene Abweichung von der gewohnten Route die Geschichte erst ermöglicht?

Das Epigraph des 2026 im Wieser-Verlag erschienenen Romans bildet ein Zitat der großen Roma-Erzählerin „Kuku-Paula“ (d. i. Paula Nardai aus Oberwart, eine KZ-Überlebende): „Ein trauriger Stern am hohen Himmel“. Es handelt sich dabei um die Textstelle aus einem Lied, das die Erfahrungen von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus thematisiert; diese bilden im Text eine zarte, aber unverzichtbare Resonanzfläche. So wird die Perspektive auf Ausgrenzung, Armut und strukturelle Benachteiligung eröffnet – aber ebenso auf Widerstandskraft, familiäre Bindung und kulturelle Kontinuität. In der Erzählung spiegeln sie die migrantischen Figuren; sie tragen Erfahrungen von Fremdheit, Prekarität und dem Ringen um Würde. So weitet der Roman sein Thema – Migration, Verwundbarkeit, Zugehörigkeit – um eine tief verwurzelte europäische Sichtweise und entfaltet sich in einem vielschichtigen sozialen Raum.

Némeths Sprache lädt die burgenländische Landschaft mit Zartheit und historischer Wucht auf. In diesen Erzählraum führt uns Ida, von der es heißt, sie habe die Luft mit ihrem Gesicht geteilt und im Vogelschwarm bleiben müssen. Menschen und Zugvögel, Gegenwart und Vergangenheit gleiten ineinander. Kraniche haben, klug eingeführt und in die Handlung verwoben, symbolische Bedeutung: Sie stehen für die Last der Wachsamkeit und des Schweigens.

Geschichte erscheint nicht als Kulisse, sondern als unterirdische Strömung, die bis ins Heute drängt. Zwei Frauenleben – das der jungen Sängerin Ida und das der jüdischen Zwangsarbeiterin Éva – verweben sich zu einem Raum, in dem Stimmen, Körper und Erinnerungen über Generationen hinweg miteinander sprechen. Erzählt wird von außen, wie aus der Vogelperspektive, und zugleich rückwärts in die Linien der Vorfahrinnen: Anna, Amalia… frühere Leben, die im Text weiteratmen. Aus solcher Höhe öffnet sich der Blick weit nach hinten und reicht nach vorne. Idas rätselhafte Stimmverluste stehen für das Verstummen über familiäre Traumata; ihre Heilung ist an das Aufbrechen des Schweigens gebunden. Der geerbte Streckhof in Sankt Margarethen wird zum materiellen Gedächtnis – Wurzel, Last und Identitätskern zugleich. Und doch bleibt „was viel früher geschah“ und auch „was früher geschah“ – 1917, 1928, 1944, 1950 – stets nur einen Flügelschlag entfernt. Diese Erzählweise lässt Zeiten ineinander gleiten. Kraniche überbrücken mit wenigen Schlägen weite Räume – und der Roman folgt ihnen in dieser Bewegung. Wenn sich der Drei-Generationen-Roman in den geschichteten Kapiteln entfaltet, wird sichtbar, wie politische Gewalt in die intimsten Schichten des Lebens hineinwirkt.

Der Steinbruch – gelegen an der Stelle des Urmeers Paratethys – spielt eine wechselvolle Rolle: Prachtbauten wie der Wiener Stephansdom oder die Karlskirche wurden mit seinem Stein erbaut; er war Sammellager für Todesmärsche, ist heute Kunstort für Bildhauersymposien und dient als Kulisse für Passionsspiele oder Opern. Der Ort hat ein Gedächtnis, das in die Gegenwart hineinwirkt: Dort berühren einander Idas brüchige Stimme und Évas ausgelöschtes Leben – Geschichte klingt im Körper weiter, in der Stimme, im Schweigen. Der Schmerz überdauert Generationen, er „reist durch die Familien, bis jemand ihn fühlt“ (S. 78).

Aus dieser körperlichen Resonanz heraus entfaltet sich Némeths Duktus: eine weibliche, präzise Wahrnehmung, die den Körper als Speicher von Erfahrung ernst nimmt. Frauen erscheinen als Handelnde, Leidende, Überlebende, als Trägerinnen von Erinnerung. „Gewinnen tun nur die Männer. Beim Schnapsen oder beim Krieg“ (S. 61), sagt eine, die es wissen muss. Mutterschaft — Évas erzwungene, Idas verschobene — bildet einen stillen Unterstrom. Idas Stimmabbrüche wirken wie Echos jener Gewalt, die Éva erleiden musste. Wenn Ida den Mund auf- und zuklappt und mit einer hilflosen Geste auf ihre Kehle deutet, lässt sich das als Verdichtung eines inneren und äußeren Zusammenbruchs lesen: Psychisch bricht in diesem Moment der enorme Erwartungsdruck und ein unbewältigter Konflikt durch, der ihr die Luft nimmt. Gleichzeitig reagiert der Körper unmittelbar: Die Atemführung blockiert, die Kehlkopfmuskulatur verkrampft. So wird der Ausfall der Stimme zum sichtbaren Ausdruck eines Zustands, den die Figur nicht mehr kontrollieren kann – ein Moment, in dem die Bühne zur Wahrheit wird.

Németh, Ärztin und Journalistin, schreibt mit feinem Gespür für Körperlichkeit, Verletzlichkeit und Heilung. Idas Stimmabbrüche erscheinen als körperliche Manifestationen eines unbewussten Erbes; Évas Lagererfahrungen werden nicht spektakulär, sondern physisch erzählt — Atem, Hunger, Gerüche… Der Roman thematisiert verdrängte Traumata der Roma und Sinti ebenso wie die Ambivalenz der „Befreiung“. Gleichzeitig schlägt er eine Brücke zur Gegenwart: Machtmissbrauch und die Stellung der Frau in der Kunstwelt spiegeln sich in Idas Lebensweg.

Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus öffnen sich die wiederkehrenden Motive: Stimme als Medium der Erinnerung, der Steinbruch als Gedächtnisraum, die Kraniche als Wesen des Übergangs, der Streckhof als Erbe und das Schweigen als transgenerationales Vermächtnis. So zeigt der Roman, dass Geschichte nicht nur in Archiven liegt, sondern im Körper: Er ist nicht nur Biologie, sondern Biografie. Was Ida empfindet, verbindet sich — im Blick auf den davonziehenden Vogelschwarm — mit allem Früheren und allem, was noch kommen wird.

Némeths eindrucksvoller Text gewinnt durch die Veröffentlichung im Wieser-Verlag zusätzlich an Relevanz – ein „Surplus-Effekt“, der durch Erika Hornbogners Programmauswahl entsteht. Der Verlag steht für Mut und Weitblick; er macht Migration erfahrbar und verweilt nicht im Abstrakten. Er zeigt Europa im Alltag — die Bücher erzählen Menschen, nicht Systeme. Damit fügt sich „Im Schatten der Kraniche“ ideal in das literarische Europa-Mosaik des Verlags ein.

Auch Németh selbst ist eine wichtige Stimme der burgenländischen Gegenwartsliteratur. Ihre Werke kreisen um Grenzräume und Erinnerungskultur. „Im Schatten der Kraniche“ erweitert dieses Schreiben um historische Tiefenschärfe. Ihre Texte sind zugänglich, poetisch verdichtet und präzise. Mehrere Jahre lang hat Németh an diesem Buch gearbeitet — begleitet von Fachleuten wie Gerhard Baumgartner, Florian Kührer-Wielach, Eleonore Lappin-Eppel und Jakob Michael Perschy. Németh trennt Vergangenheit und Gegenwart nicht, sondern lässt sie ineinander übergehen. Ihre assoziative Struktur folgt der Logik der Erinnerung: Die Gegenwart ruft — die Vergangenheit antwortet. Mit „Im Schatten der Kraniche“ legt Bernadette Németh einen Roman vor, der sich leise nähert und lange bleibt.

Bernadette Németh: Im Schatten der Kraniche. Roman. Klagenfurt/Celovec: Wieser, September 2025. Hardcover. 300 Seiten. ISBN: 978-3-99029-699-8. Preis (AT) € 24,00