Maria Lehner:
Wo die Freiheit wurzelt: Über „Mein innerer Schwarzwald“
von Katharina Sigrid Eismann
„Passt gut auf die unsichtbaren Wurzeln auf“, mahnt die von Eismann zitierte „Martatant“. Doch was sind das für Wurzeln?
Katharina Sigrid Eismann, Autorin, Künstlerin und Übersetzerin, emigrierte 1981 mit ihrer Familie aus Rumänien nach Westdeutschland. In neunter Generation stammt sie von den „Salpeterern“ ab, einer frühen deutschen Freiheitsbewegung. In Familiengeschichte(n), Archiven und in der realen Landschaft sucht sie nach diesen Wurzeln – nach ihrem „inneren Schwarzwald“.
Von Eismann hatte ich bereits drei Bücher gelesen; sie führten mich in Lyrik und Prosa ins Banat. Und das ist weit mehr als Mohnblumen und gefältete Trachtenkittel. In Temesvar ist sie aufgewachsen – nicht weit entfernt von jenen Orten, an die Maria Theresia die „Salpeterer“ verbannte.
In Österreich hat Univ.-Prof. Dr. Stephan Steiner die habsburgischen Zwangsmaßnahmen gegen diese Berufsgruppe systematisch erforscht. An manchen Stellen von Eismanns Buch habe ich aufgrund dieses unerwarteten Österreich-Bezugs nachdenklich innegehalten.
Die Zeitreise führt ins 18. Jahrhundert, in den „vorderen Hotzenwald“ am Südrand des Schwarzwaldes beim Hochrhein (heute Baden-Württemberg, Regierungsbezirk Freiburg, Landkreis Waldshut). Aus dem Dorf Rickenbach stammen die Vorfahren der Autorin. Eine geographisch unscheinbare Region im ehemaligen vorderösterreichischen Verwaltungsbezirk „Grafschaft Hauenstein“ in der Landgrafschaft Breisgau.
Der Wiener Kaiserhof ist weit weg, der Wald nah. Fleißige Menschen schwingen die Axt für Klöster und Grundherren. Der Graf von Tiefenstein verleiht ihnen Freiheitsrechte. Sie organisieren sich durch die Wahl politischer Sprecher in demokratischer Selbstverwaltung, um ihre Interessen gegenüber den Obrigkeiten zu vertreten.
Und sie sind Spezialisten: Sie kratzen Ausblühungen von tierischem oder menschlichem Urin von Kalkwänden (non olet!), laugen den entstandenen Kalksalpeter mit Wasser und Pottasche zum wertvollen Kalisalpeter aus – dem Grundstoff für Schwarzpulver. Solche Menschen braucht man: Bezwinger des Waldes und Lieferanten der Zutat zum Schießpulver.
Auf diesen Freiheitsrechten bestehen auch ihre Nachfahren. Doch die Freiheit hatte ein Verfallsdatum. „Was wurde aus der Einigungsverfassung, die dort noch bestand, obwohl zur Zeit Maria Theresias – also in der Phase, als der absolutistische Beamtenstand seinen Anfang nahm?“ fragt die Autorin. Dreißig Jahre lang beschert das Selbstbewusstsein der Salpeterer den Wiener Regenten Zornanfälle.
Als Kaiser Karl VI. (finanziell geschwächt durch die Türkenkriege) die vorderösterreichische Gerichtsbarkeit kurzerhand an die Herren der Fürstabtei St. Blasien „verkauft“ und diese andere Saiten aufziehen, lässt Eismann die Salpeterer im Hotzenwälder Dialekt zu Wort kommen:
„Die Pfaffesäck usm Kloschter treibens uf die Spitz. Unseri Freihitsrechte werret boykottiert un bedroht! … Mir lön uns nix mehr diktieren von dene scheinheilige Rechtsverdreher … Mir sin Freibauern aus altem Recht und fordern die Anerkennung von Wien.“
Eine Reise dorthin endet 1726 mit der Aufforderung, der Bittsteller habe binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Damals ist das Wort „Salpetern“ bereits „Synonym für Widerstand und Rebellion“, so Eismann.
1740 entsendet das Stift den Benediktiner Marquard Herrgott an den Kaiserhof. Er motiviert dazu, die Widerständigen mit ihren aus dem Mittelalter stammenden Privilegien zu verbannen – stehen sie doch „neuen Tendenzen in der Herrschaftsverwaltung (Profitmaximierung, Disziplinierung, Arrondierung) oft diametral gegenüber“, wie Stephan Steiner in seinem Buch “Rückkehr unerwünscht” schreibt.
Was und wie Eismann über die 1755 erfolgende gnadenlose „Verbannung auf Lebenszeit ins Ungarnland“ von über hundert Menschen ins Banat erzählt, kontrastiert sie immer wieder mit lyrischer Sprache: „Die Sonne hat ihr Füllhorn im Berg verscharrt“, „Der Garten hat sich ausgeblüht. Rosen rosten.“ Dort, wo Angst und Grauen sind, spielt sie mit Synästhesien, malt ein „verpatztes Gelb“, lässt Jungrinder „stapfen, träge wieder kalbende Morgen“.
Mit den Vertriebenen macht sie Halt in Wien, „wo sich die Sprache im Wellengang der Donau wiegt… wo die Stunden mit Zuckerguss bestäubt sind“. „Die Seele ist ein Waldvogel, das Alphabet Rebellion“, verkündet sie und stellt uns die junge Mutter Malvinaa vor, getragen von Affirmationen wie: „Verwandle mich in eine Eibe mit ewiglangen Zotteln, schenk mir Flügel…“.
Wie geht es für die Salpeterer weiter – diese Minderheit innerhalb einer Minderheit, auch im Banat widerständig – und was hat das mit Eismanns Familiengeschichten zu tun?
Auf Spaziergängen durch das Temesvar des Jahres 2023, entlang der Theatergass und des Opernplatzes, im Atelier der Frau Kleidermann und schließlich in der „Groodi Gass“, wo noch eines der von der Wiener Hofkammer zugeteilten strohbedeckten Lehmhäuser der ehemaligen Salpeterer steht, entfaltet sie die Geschichten. Eine Generation gibt sie an die nächste weiter. Vorsichtig werden sie entrollt, zurechtgebürstet und wieder verstaut. Das Motto der „Omitzi“ lautet: „Schreib das alles auf, erzähl das Unrecht weiter.“ Eismann tut es – „bevor der innere Schwarzwald erblindet, verholzt“.
Ihre Erzählung gewinnt Dynamik durch Zeitsprünge und den Wechsel der Genres: alte Briefe aus Archiven stehen neben lyrischen Sequenzen und zauberhaften Erzählungen, die sie etwa zur Briefbotin eines Schreibens an „Ceau“, Nicolae Ceaușescu, machen. Besonders stimmig verbinden sich das Vorwort von Hubert Matt-Willmatt, die Quellennachweise, Zitate und ein Glossar, das alemannische Ausdrücke aus dem Hotzenwald, Banater Mundart sowie ungarische, rumänische und Wiener Begriffe erklärt.
Zwischen den Zeilen spielt die Vorsilbe „un“ eine Rolle – je nach Perspektive: „Ungehorsam“ sagen die einen, „Unrecht“ erkennen die anderen; „unbeugsam“ empfinden sich die einen, „unkooperativ“ sehen sie die anderen. Dieses Buch rechnet nicht auf, ist weder larmoyant noch revisionistisch; es versucht zu erklären, wie – und das erinnert an das hier im November 2024 vorgestellte Buch von Maria Bidian (Das Pfauengemälde) – das Familiennarrativ unsichtbare Wurzeln nährt. Hier graben sie sich neun Generationen lang durch die Erde.
Der Indie-Verlag danube books unter Thomas Zehender beweist Weitblick und Mut. Er verlegt nur wenige Bücher – aber besondere, wie dieses.
Sigrid Katharina Eismann: Mein innerer Schwarzwald. Roman. Ulm, danube books, 2025. ISBN 978-3-946046-45-5
Wer sich von Eismanns Sprache verzaubern lassen oder mehr über ihre Sozialisation zwischen den Welten erfahren möchte, findet von ihr außerdem:
- Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temesvar (Lyrikband, Größenwahn-Verlag, 2017; derzeit vergriffen)
- Das Paprikaraumschiff (Roman, danube books, 2020)
- Dschangakinder (Lyrik, edition textfluss, danube books, 2022
Historisch in das Thema einlesen kann man sich bei:
- Stefan Steiner: Rückkehr unerwünscht. Deportationen in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit und ihr europäischer Kontext”. Böhlau, 2014.

