Ausgabe November 2026: Auslese. Marias Bücherblog

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Maria Lehner:

Lichtstrahlen zwischen den Sternen – Ein inspirierender Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis

 

Der Literaturnobelpreis gilt unbestritten als die prestigeträchtigste Auszeichnung der Weltliteratur. Seit der ersten Vergabe im Jahr 1901 richtet sich der Blick der Kulturen im Herbst nach Stockholm, wenn die Schwedische Akademie verkündet, wer das Erbe Alfred Nobels im Sinne seines Testaments – „das Beste in idealistischer Richtung“ – bereichert hat. In diesem Zeitraum wurden 122 Laureaten gewürdigt.
Genau diesem glanzvollen, oft aber auch streitbaren Panorama widmet sich Christine Piswanger-Richter in ihrem neuen Werk Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis. Es „… enthält die Beobachtungen und Empfehlungen einer begeisterten Vielleserin, weil ich meine, dass Kunst und somit auch Literatur für alle da ist und man nicht zwingend Expertenwissen braucht, um eine Meinung zu entwickeln…“, schreibt sie im Vorwort und nimmt uns mit auf eine hochgradig persönliche, fundierte Lesereise, die explizit Lust zum Mitreisen und Selberlesen machen soll. Besonders interessant fand ich ihren Ansatz, jede einzelne der vielen vorgestellten Laureaten anhand eines Texts vorzustellen und diesen auch stets persönlich zu kommentieren (etwa bei Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ verrät sie: „Mühsam, mühsam…“ sei es gewesen, das Buch, „weil ich’s immer wieder weglegen musste“). Zwischen dem Entschluss der Autorin („…und jetzt les’ ich alle!“, nämlich die Literaturnobelpreisträger) und der Vorlage dieses Werks sind 16 Jahre vergangen – jedes davon arbeitsreich und auch manche davor schon dem Lesen der preisgekrönten Literatur gewidmet.

Schon der visuelle Ersteindruck holt den bibliophilen Leser ab. Das geschmackvolle Cover, gestaltet von Lilya Butenko, zeigt eine einladende Reihe von Büchern und davor ein Sofa, das sofort zum Verweilen, Schmökern und Erkunden einlädt. Man ertappt sich bei der Vorstellung, dass eines der dort drapierten Bücher eben jenes sein könnte, das der Leser gerade in den Händen hält. Es symbolisiert den intimen, gemütlichen Charakter dieses literarischen Wegweisers. Als programmatischer Einstieg dient ein treffendes Geleitwort aus dem „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa: „Die einzig annehmbare Form der Verständigung ist das geschriebene Wort, denn es ist kein Stein in einer Brücke zwischen Seelen, sondern ein Lichtstrahl zwischen Sternen.“ Dieser Lichtstrahl zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel.

Die Autorin Christine Piswanger-Richter, geboren und aufgewachsen in Wien, ist trotz ihrer aktuellen Wohnsitze in Niederösterreich, der Steiermark und an der portugiesischen Algarve tief im Herzen eine echte Wienerin geblieben. Ihre Liebe zum geschriebenen Wort kristallisierte sich bereits im Vorschulalter heraus. Beruflich fand diese Passion zunächst im PR- und Pressemeldungssektor sowie im anspruchsvollen Ghostwriting Ausdruck – anfangs als PR-Managerin eines chemisch-pharmazeutischen Konzerns, später als selbstständige PR-Beraterin. Seit 2012 widmet sie sich schreibend jenen Themen, die ihr privat am meisten bedeuten: der Musik und der Literatur. Uns verbindet eine fruchtbare, gemeinsame Publikationstätigkeit in mehreren Anthologien des Leiermann-Verlags, welcher der Autorin erste Publikationsmöglichkeiten im eigenen Namen bot. Für die formale Brillanz des vorliegenden Bandes garantiert zudem eine ausgewiesene Expertin: Andrea Strobl zeichnet für Lektorat und Korrektorat verantwortlich; ihre sprichwörtliche Akkuratesse, die ich selbst in der Zusammenarbeit bereits schätzen lernen durfte, hebt das Buch auf ein makelloses sprachliches Niveau.

Das Werk beginnt mit einer vielschichtigen Annäherung an die widersprüchliche Persönlichkeit des Stifters Alfred Nobel. Piswanger-Richter stellt u. a. die essenzielle Frage, wie man überhaupt zur Ehre der Preiswürdigkeit gelangt – und ihre aufmerksame Beobachtung ergibt: „männlich, Europäer, schreibt in englischer Sprache, hat schon früh erste Gedichte geschrieben, studierte Jus, ist 65 Jahre alt und schreibt vorzugsweise Prosa“. Sie erkundet auch, was im Kern das Wesen von Literatur ausmacht und verrät uns ihre Lieblingsdefinition („Die Literatur gibt der Seele Nahrung, sie bessert und tröstet sie“) von Voltaire, die sie zu diesem Lesemarathon bestärkte.

Im Hauptteil gliedert sie das breite Feld der Laureaten geschickt in thematische Blöcke. Den ersten Abschnitt widmet sie den Monumenten der Literaturgeschichte, betitelt als „Die üblichen Verdächtigen“. Hier begegnen wir Giganten wie Thomas Mann, Albert Camus, Elias Canetti, Selma Lagerlöf, Boris Pasternak, Ernest Hemingway, Knut Hamsun, Alexander Solschenizyn, Doris Lessing und John Steinbeck. Auch Gabriel García Márquez, William Faulkner, Pearl S. Buck, Heinrich Böll, Rudyard Kipling, Isaac Bashevis Singer, Gerhart Hauptmann, Imre Kertész, William Golding und Yasunari Kawabata sind vertreten. Jede Persönlichkeit wird mit ihrer preisgekrönten Geschichte, biografischen Besonderheiten und prägnanten Zitaten gewürdigt.

Unter dem inspirierenden Stichwort „Empfehlenswerte Entdeckungen“ öffnet die Autorin den Vorhang für 27 weitere Preisträgerinnen und Preisträger, die im allgemeinen Bewusstsein manchmal zu Unrecht im Schatten stehen. Darunter befinden sich Sigrid Undset, Thomas Stearns Eliot, Pär Lagerkvist, Winston Churchill, Pablo Neruda und Nagib Mahfuz. Ein besonderes Augenmerk gilt der von mir zutiefst geschätzten Toni Morrison sowie Meistern wie José Saramago und Orhan Pamuk.

Besonders packend gestaltet sich das spezifische Kapitel über jene Preisträger, die dem österreichischen Kulturraum entspringen oder eng mit ihm verwoben sind. Hier glänzen Shmuel Yosef Agnon (Laureat 1966), Elfriede Jelinek (2004) und Peter Handke (2019). Auch historische, österreichische Nominierungen werden beleuchtet.

Ein Kapitel trägt den Titel „Die Heimat, die in der Sprache liegt“: Sprache als Zufluchtsort und Identitätsstifter wird hier am Beispiel von Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Carl Spitteler, Hermann Hesse, Nelly Sachs, Günter Grass und Herta Müller greifbar gemacht. Abgerundet wird dieser Komplex durch eine Conclusio und – ein besonders hervorzuhebendes Verdienst der Autorin – ein separates Kapitel unter dem Titel „Lob und Dank den Übersetzerinnen“, das die oft unsichtbaren Brückenbauerinnen der Weltliteratur ins Scheinwerferlicht rückt.

Den irischen Meistern des Wortes – William Butler Yeats, George Bernard Shaw, Seamus Heaney und dem US-Amerikaner irischer Prägung Eugene O’Neill – spendiert die Autorin ein eigenes, atmosphärisch dichtes Kapitel, denn: „dieses Land hat in Bezug auf die Einwohnerzahl sehr viele hervorragende Literaten hervorgebracht, und bis dato wurden nur vier von ihnen mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt“.

Meiner festen Überzeugung nach sind es jedoch gerade die analytischen und feuilletonistischen Querschnittskapitel, die dieses Nachschlagewerk so ungemein wertvoll machen. Piswanger-Richter nähert sich dem Literaturnobelpreis kritisch und hinterfragt ihn als einen „Wettlauf der Nationen“. Sie dekonstruiert das Vergabesystem anhand von Prädikaten, Superlativen, Kuriosa und widmet sich intensiv der drängenden Frage der Geschlechterparität. Es wird von den Auswirkungen globaler Kriege und dem Ringen um Frieden berichtet; ebenso wird untersucht, wo in der ernsten Weltliteratur eigentlich der Humor bleibt. Geschmacksfragen und literaturkritisch schwer verständliche Entscheidungen der Schwedischen Akademie werden offen angesprochen. Besonders pointiert und schmerzhaft zugleich ist das Kapitel „Leider nein“, das sich jenen genialen Federn widmet, die trotz weltweiten Ruhms niemals nach Stockholm geladen wurden.

Was ein taugliches und überdurchschnittliches Nachschlagewerk auszeichnet, wird hier par excellence geliefert: Ein feinsinniges Nachwort, herzliche Danksagungen sowie ein akribisch wohlversorgter Anhang. Die enthaltenen Listen und Quellen sind sowohl chronologisch als auch alphabetisch perfekt geordnet und werfen zudem ein wertvolles Schlaglicht speziell auf die österreichische Nominierungshistorie.

Dieses Buch schließt eine Lücke zwischen akademischer Abhandlung und leidenschaftlicher Leseanimation. Es sollte in keinem Bücherschrank fehlen, da es uns die Möglichkeit bietet, das – aus Sicht des Nobelpreiskomitees – Beste aus den letzten 125 Jahren Literaturgeschichte komprimiert, spannend und zutiefst menschlich kennenzulernen.

Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die das geschriebene Wort lieben!

Christine Piswanger-Richter: Noble Literatur – Ein Leseparcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis; Verlag Buchschmiede (Erscheinungsdatum 05.08.2026)

Hardcover: ISBN 978-3-99192-547-7, € 28,00

Softcover: ISBN 978-3-99192-549-1, € 18,00

E-Book: ISBN 978-3-99192-548-4, € 9,99

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