Ausgabe Oktober 2026: Auslese. Marias Bücherblog

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Den philosophisch‑kulturellen Kern Europas erzählen.

Zu Werner Anzenbergers Essayband
„Aufbruch ins Innere Europas“

 

Das Innere Europas – was kann man sich darunter vorstellen?
Bedarf es eines Aufbruchs oder gar eines Ausbruchs, um dorthin zu gelangen – oder muss man es schreibend konstruieren und so ein Narrativ zu unserem gemeinsamen Zusammenhalt schaffen?
Selbst wenn man es erreicht hat: Wie kann man es sichtbar, erzählbar, erinnerbar machen?
Der Autor hat sich viel vorgenommen.
Doch wir können versichert sein: Er schöpft aus den wissenschaftlichen Disziplinen Geschichte und Rechtswissenschaft – und er ist ein akribischer Beobachter und interessierter Reisender, dem schließlich auch das Handwerkszeug des Literaten bereitsteht.

 

Nicht zuletzt ist er einer, der das Subgenre der „europäischen Erzählung“ kennt. Dieses wurde maßgeblich von dem französischen Philosophen Jean‑François Lyotard („La condition postmoderne“, 1979; deutsch: „Das postmoderne Wissen“) geprägt. Während heute oft diskutiert wird, dass europäische Identitäten eher wie Hypertexte funktionieren, in denen viele verschiedene Erzählungen statt einer einzigen „Meistererzählung“ kursieren, sucht Werner Anzenberger in vier Essays nach dem jeweiligen philosophisch‑kulturellen Kern, nach der Sinnstiftung hinter der Landkarte, nach dem, was den Kontinent im Innersten zusammenhalten soll.
Es ist der Versuch, Europa eine „Identität“ zu geben, die über bloße Institutionen hinausgeht.

 

Ja: Das „Innere“ Europas, so lesen wir es auch bei Robert Menasse, ist jener geistige Kern, der aus Freiheit, Vernunft und historischer Erfahrung ein postnationales Versprechen formt. Europa ist schließlich mehr als eine Verwaltungseinheit: Da sind die Ideen von Freiheit, Vernunft, Humanismus; die historische Erfahrung von Pluralität, Konflikt, Versöhnung; und die kulturelle Tiefenstruktur, die Europa als geistigen Raum zusammenhält.

 

Werner Anzenberger gestaltet diese Reisen zu einer Erkenntnisform und findet sich damit in guter Gesellschaft von – um einige zu nennen – Claudio Magris, Hans Magnus Enzensberger und Cees Nooteboom: Europa ist eine Figur – ausgefranst, mehrdeutig, flüchtig. Der Autor untersucht Grenzräume dahingehend, ob sie Orte der Identitätsbildung sind, und verwendet biografische Miniaturen als Spiegel europäischer Geschichte. Aufbruch, Verlust, Wiederkehr, Übergang finden sich als Motivketten in den vier Essays. Er montiert diese, lässt die Handlung nicht linear fortschreiten.

 

Da wären Hermann Hesses Wanderungen, die Humanismus, Selbstsuche und geistige Freiheit als gelebte Erfahrung darstellen: innerer Rückzug und moralische Orientierung: „Friedliche politische Evolution ist gefragt (S 29). Bei Hesse sind die Wanderungen jedoch kein bloßer Eskapismus, sondern die Rückeroberung der individuellen Seele gegenüber den Kollektivismen des 20. Jahrhunderts. Sein „Inneres Europa“ ist ein Rückzugsraum, der zur moralischen Festung wird. Seine Ausführungen zur Konsum- und Leistungsgesellschaft und zur Problematik des Homo technicus und einem Reisen mit bescheidenem Bildungsgewinn ohne empathisches Verständnis für andere Kulturen (S 51) mutet erstaunlich aktuell an.

 

Der Ausflug ins tirolische Tarrenz wiederum zeigt das „Innere Europa“ als Labor der Provokation. Wo Hesse die Form sucht, zertrümmern die Dadaisten sie: Der Autor beschreibt „ein Reset der künstlichen künstlerischen Avantgarde, die das Trauma von Krieg und Zerstörung nicht verhindern konnte“ (S 64). Dieser Essay macht deutlich: Europas Tiefenstruktur besteht auch aus der Fähigkeit, den eigenen Wahnsinn in ästhetische Energie überzuführen – Avantgarde weit weg von der Metropole, quasi als „Alm-Rausch“. Bruch muss sein, dann folgt Erneuerung. Das Bild mutet an wie ein kleiner Kondratieff‑Zyklus: Aufschwung, Boom, Rezession, Depression. Während Hesse das humanistische Substrat bewahrt, fungiert der Dadaismus in Tarrenz als radikaler „Winter“, der den Boden für neue Erzählformen pflügt. Bei Anzenberger wird deutlich: Europa muss sich erst selbst fremd werden (Dada), um sich wiederfinden zu können (Hesse).

 

Beide Essays sind für mich taugliche Beispiele für Europas Tiefenstruktur; sie stehen für klassische europäische Selbstvergewisserung und sind relativ leicht als „inneres Europa“ lesbar. In den nächsten beiden Essays sind Admiral Mahić (keine falschen Schlüsse bitte: Admiral ist der Vorname; der Schriftsteller war alles andere als militaristisch gesinnt) und Peter Handke nicht einfach „weitere Beispiele“. Vielmehr sind sie komplementäre Prüfsteine, die das Konzept in unterschiedliche Richtungen dehnen.

 

Essay Nummer 3 zeigt mit dem bosnischen Lyriker Mahić Europa als einen „leisen“ Aufbruch, als zarte, verletzliche Hoffnung. Zum einen ist es postsozialistische Erfahrung – nicht der Westen, nicht die Avantgarde, sondern der alltägliche demokratische Neubeginn, zum anderen Peripherie (hier entsteht die „europäische Erzählung“ nicht aus der Mitte, sondern vom Rand her) und schließlich eine poetische Mikro‑Geste: Wie kann Sprache nach einem politischen Bruch wieder bewohnbar gemacht werden? „Während des Bosnienkrieges. 1992 bis 1995 bleibt Mahić in Sarajevo – das verschafft ihm Respekt, auch bei seinen Kritikern. Und er vertritt eine klare Position […]. Dass serbische Nationalisten die Hauptaggressoren sind …“ (S 185). Dieser Beitrag zeigt, dass das innere Europa nicht nur aus großen Ideen besteht, sondern aus Reparaturarbeit, aus Wiederannäherung, aus demokratischer Feinmotorik.

 

Oh – und dann Peter Handke? So dachte ich, und so denken viele, denn „von Hesse zu Handke“ liest sich als griffiger Gleichklang, doch der Schein trügt: Wer diesen literarischen Weg beschreitet, tauscht die Wanderstiefel gegen Steigeisen – es ist der Aufstieg durch die Eiger‑Nordwand der Moderne. Handkes Europa ist eines der Kontroverse, der Ambivalenz, der Selbstbefragung. Ja: Er ist ein „Störfall“. Er fordert das Konzept des Inneren Europa heraus. Da wird ästhetisch‑politische Spannung aufgebaut, da wird man gezwungen, sich Fragen zu stellen, die nicht angenehm sind, etwa: Kann Literatur ein inneres Europa repräsentieren, wenn die politische Positionierung umstritten ist?
Konflikt und Selbstkritik anstelle von Harmonie; Europa als Sprachkörper, nicht als politisches Projekt; Europa als Selbstprüfung: Wie viel Ambivalenz hält das innere Europa aus? Ist Europa ein moralischer Raum oder ein ästhetischer? Jedenfalls ist es aus seiner Sicht nicht konsensfähig, sondern umkämpft. Anzenberger „erklärt“ Handke zwar, verklärt ihn aber keineswegs: „Slowenien, Jugoslawien haben so zu bleiben wie der Dichter Handke es ja selbst als gut und heimelig, als richtig empfunden und erkannt hat in der Kindheit, in der Jugend. Dieses Empfinden, Gefühl, Sentimentalität prägen sein Geschichtsbild bis heute“ (S 262).

 

Am Ende des Buches liegt vor uns ein Europa, das nicht einheitlich ist, sondern vielstimmig. Die europäische Erzählung ist kein harmonischer Chor, sondern ein Gefüge aus Hoffnung, Bruch, Ambivalenz und Selbstkritik. Dem Autor Werner Anzenberger und seinem Verleger Thomas Zehender von „danube books“, ist zu danken, dass wir diese Stimmen hören dürfen und – wie so oft, wenn ein Buch gut geraten ist – nicht nur „gut unterhalten“, sondern (weiter)fragend das Buch zuklappen…


Werner Anzenberger: Aufbruch ins Innere Europas. Von Hesse bis Handke.
Essays.
332 Seiten, gebunden, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung. ISBN 978-3-946046-47-9. € 25,70. Ulm: Verlag danube books, März 2026.