Unbarmherzige Eklipse: Betrachtungen zu Alexander Lernet-Holenias „Der Graf Luna“
„Grau ist die Genealogie; ängstlich und geduldig ist sie mit Dokumenten beschäftigt, mit verwischten, zerkratzten, mehrmals überschriebenen Pergamenten.“ (Michel Foucault)
Der Gedanke aus Michel Foucaults Nietzsche-Rezeption (In: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Ders.: Von der Subversion des Wissens. Aufsätze, Reden, Interviews. Hanser 1974) passt zu Alexander Lernet-Holenias Roman „Der Graf Luna“: Die ausschließlich akribische Beschäftigung mit Schuld ist keine Aufarbeitung, sie bringt keinen Erkenntnisgewinn, sondern mündet – in diesem Fall – in tödliche Obsession und tiefste Dunkelheit.
Der Protagonist Alexander Jessiersky versinkt im Wien der Nachkriegszeit immer tiefer in den Archiven und Ahnentafeln der Familie Luna. Ein stimmiges Bild schon der Name: „Luna“, der Mond, der unbestechliche Antagonist der Sonne, soll mehr und mehr den helllichten Tag eines moralisch trägen Opportunisten verdunkeln. Mit jeder Romanseite wird der Mitläufer mehr zum Maniker…
„Der Graf Luna“ ist ein phantastischer Kriminal- und Zeitroman von Alexander Lernet-Holenia, der ursprünglich 1955 erschien und im Juli 2026 erfreulicherweise von Albert C. Eibl im Verlag „Das vergessene Buch (DVB)“, neu aufgelegt wurde. Diese Neuausgabe, pünktlich zum 50. Todestag des Autors herausgegeben mit einem Nachwort von Wynfried Kriegleder, arbeitet die psychologischen Abgründe der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und die Verdrängung der NS-Schuld auf. Auch wenn einige Literaturexperten diesen Roman als einen der ersten Anläufe zur Vergangenheitsbewältigung bezeichnen, muss doch dagegengehalten werden, dass andere meinen, dem Text sei ein privatindividualistischer Schuldbegriff eigen, der z.B. zwar das KZ thematisiert, jedoch verharmlosend von den Mühen eines Arbeitslagers spricht und damit den Holocaust klein macht.
Interessant ist die Verortung des Protagonisten: Jessiersky wird von Lernet-Holenia die Adresse „Bankgasse 8“ als zeitweise Wohnadresse zugeschrieben, das ehemalige Palais Teuffenbach, ein prachtvolles historisches Gebäude im ersten Wiener Gemeindebezirk. Es passt perfekt zum elitären, aristokratischen Lebensstil der Familie Jessierskys. Drei Jahre nachdem Alexander Lernet-Holenias Roman verlegt wurde, ist das Gebäude selbst zum Literatursitz geworden: Ab 1958 wurde es als „Concordiahaus“ bekannt und auch der P.E.N.-Club residierte dort.
Der wohlhabende Wiener Großbürger mit aristokratischen Wurzeln – seine Familie stammt ursprünglich aus Russland und Polen – führt ein komfortables, aber moralisch träges Leben. Er ist kein überzeugter Nationalsozialist, aber ein klassischer Opportunist, der die Augen vor den Verbrechen des Regimes verschließt, solange seine eigenen Privilegien geschützt sind.
Während des Zweiten Weltkriegs benötigt er für sein expandierendes Transport- und Schifffahrtsunternehmen ein strategisch wichtiges Grundstück in Wien. Dieses Land gehört jedoch einer Familie, deren Oberhaupt ein geheimnisvoller, zurückgezogen lebender Aristokrat ist, der im Volk nur „der Graf Luna“ genannt wird. Bei der Figur handelt es sich um eine literarische Chiffre, eine Personifizierung all jener Opfer, die zur Zeit des österreichischen Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders der 1950er-Jahre geflissentlich totgeschwiegen werden sollten.
Um an das Grundstück zu gelangen, unterschreibt Jessiersky eine scheinbar bürokratische, in Wahrheit aber fatale Denunziation. Der Graf, ins Visier der Nationalsozialisten geraten, wird daraufhin von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Jessiersky erhält das Grundstück, verdrängt den Vorfall sofort und redet sich ein, dass er ja niemanden eigenhändig getötet habe:
„Er sagte sich, dass er, wenngleich er persönlich nichts getan hatte, oder eben deshalb, alles versäumt habe, was wirklich zu tun gewesen wäre: und als nächste Folge dieser Unterlassung musste erleben, dass ihn selbst die wenigen anständigen Leute, die es noch gab, zu meiden begannen“ (S 38).
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gelingt Jessiersky der nahtlose Übergang in die österreichische Nachkriegsgesellschaft der 1950er-Jahre. Der respektable Bürger im prachtvollen Wiener Stadtpalais wähnt sich in Sicherheit. Die österreichische Gesellschaft jener Zeit zeichnet sich durch kollektives Schweigen und die Verdrängung der eigenen Mitschuld aus – ein Zustand, den Jessiersky perfekt verkörpert.
Und dann: Einzelne, vorerst unverdächtige Spuren verunsichern Jessiersky: Geht da Graf Luna? Hat er seiner Tochter Leckereien geschenkt? Warum wird sie kurz darauf krank? Und schleicht er da durch die Nacht?
Nun verändert sich Jessierskys Charakter radikal. Aus dem lethargischen Mitläufer wird ein manischer, vom Verfolgungswahn getriebener Akteur: „Es war gegen Ende des Monats Jänner gewesen, dass Jessiersky das Tappen gehört hatte und bis tief in den April wartete er nun Nacht für Nacht auf Luna“ (S 104). Ist er real oder die personifizierte, externe Projektion von Jessierskys eigenem, kranken Gewissen? Er muss Luna vernichten, bevor dieser ihn vernichtet. Da er den Grafen selbst nicht greifen kann, richtet sich sein Wahn gegen das Umfeld und die vermeintlichen Helfershelfer des Grafen.
Welche Verbrechen nun Jessiersky aus purem Selbstschutz und völlig kaltblütig begeht, sei nicht verraten… Sowohl Wiens Innenstadt als auch das ländliche Österreich werden zum Schauplatz, es geht weiter, weiter, weiter – und gipfelt in Rom in einer surrealen letzten Szene. Im Labyrinth der römischen Katakomben, in der absoluten Finsternis endet das Buch schließlich mit siebzehn Halbgeviertstrichen (˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗ ˗). Sie stehen als visuelle Metapher für den Weg in die Finsternis und das Verstummen der Sprache vor der ultimativen Schuld und das Ausblenden des Bewusstseins. Zudem fungieren sie als rhythmisches, letztes Luftholen und verweigern dem Leser einen klassischen Schlusspunkt.
Der bedeutende Wiener Germanist Prof. Dr. Wynfried Kriegleder bietet im Nachwort eine tiefgehende literaturwissenschaftliche und historische Einordnung des Romans. Er nutzt es, um Kriterien für literarische Qualität zu definieren: So etwa schätzt er es, wenn Themen der Entstehungszeit (hier: das kollektive Schweigen und die Verdrängung der NS-Schuld im Österreich der 1950er-Jahre) gleichzeitig für nachfolgende Generationen relevant bleiben, weil sie zeitlose menschliche und moralische Dilemmata verhandeln. Am Prototyp eines „apolitischen, moralisch faulen Menschen“ zeigt er auf, wie dieser scheinbar „fade Kerl“ – Jessiersky – aus reinem Eigennutz und Bequemlichkeit ohne jede Empathie von der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik profitiert. Kriegleder verdeutlicht, wie Lernet-Holenia das Phantastische nutzt, um Jessierskys inneren moralischen Bankrott darzustellen: Seine Taten und seine Paranoia manövrieren ihn in eine psychologische Sackgasse, aus der es am Ende keinen Ausweg mehr gibt.
Kriegleder macht uns auch darauf aufmerksam, dass zum Zeitraum des Erscheinens, 1955 kurz vor der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags, Österreich versuchte, eine bruchlose Kontinuität zur Ersten Republik vor dem „Anschluss“ zu konstruieren. Der Autor enthüllt das feudal-aristokratische Leben im Wien der Nachkriegszeit als völlig entwurzelt und hohl: Er legt den Finger in die Wunde. Insgesamt lobt Kriegleder die Modernität, mit der Lernet-Holenia psychologische Präzision mit phantastischer Atmosphäre verknüpft.
Und er nimmt Bezug auf ein Dokument, das auf eine bedeutsame Verflechtung des Literaten mit der Österreichischen Kulturvereinigung hinweist: Da diese Rezension auf der Homepage der Österreichischen Kulturvereinigung veröffentlicht wird, sei für die geschichtsinteressierten unter unseren Mitgliedern darauf hingewiesen, dass die Vereinigung, deren erster Präsident der ehemalige Unterrichtsminister Hans Pernter war, ab ihrem Gründungsjahr 1945 die Zeitschrift „Der Turm“ herausgegeben hat. Adressat des vorliegenden Briefes ist Egon Seefehlner, der in dieser Gründungsphase eine entscheidende Doppelrolle einnahm: Er fungierte als Generalsekretär der Kulturvereinigung und war gleichzeitig bis 1948 der erste Chefredakteur des „Turm“. Vereinigung und Magazin standen für einen dezidiert katholisch-konservativen, bürgerlichen Kulturbegriff. Man wollte das „alte, wahre Österreich“ der Vorkriegszeit künstlerisch wiederbeleben. Alexander Lernet-Holenia war dabei einer der prägenden Autoren der Anfangsphase der Zeitschrift.
In der Doppelnummer 4/5 vom November 1945 (= Jahrgang 1) ist auf Seite 109 ein Text bzw. offener Brief, der als „Gruß des Dichters“ abgedruckt wurde, veröffentlicht. Ein Zitat aus diesem Brief lautet: „In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern zurückzublicken.“ Hier wird die These vertreten, der Nationalsozialismus sei durch das Kriegsende überwunden, sei für die Kultur bloß eine unwillkommene Unterbrechung gewesen. Das klingt nach radikalem Ausblenden und einer Übersprungshandlung des geschäftigen Ärmel-Aufkrempelns.
Der Schriftsteller selbst rechnet mit dieser Haltung jedoch später gnadenlos ab: Alexander Jessiersky versucht ebenfalls, die „Unterbrechung“ durch die NS-Zeit zu ignorieren und im Wohlstand der Nachkriegszeit weiterzumachen.
Der Roman zeigt aber, dass die Vergangenheit sich nicht einfach wegwischen lässt; das Verdrängte kehrt als paranoider Wahn (personifiziert als „Graf Luna“) zurück. Insofern dokumentiert der Brief eine persönliche Entwicklung Lernet-Holenias zwischen 1945 und 1955: Seine literarische Abrechnung mit dem bloßen „Zurückblicken“ zeigt eindringlich, dass Vergangenheitsbewältigung nicht durch Ausblenden der Geschichte gelingt, sondern den schmerzhaften Blick in den eigenen Abgrund braucht.
Die gelungene Neuausgabe des DVB-Verlags beweist eindrucksvoll, wie modern dieser Roman geblieben ist – ein wahrer literarischer Schatz, der aktueller und packender kaum sein könnte.
Alexander Lernet-Holenia: Der Graf Luna. Roman. Mit einem Nachwort von Wynfried Kriegleder. Wien: Das vergessene Buch (DVB), 2026. Hardcover, 288 Seiten, 26 Euro. ISBN: 978-3-903244-48-3. (p. 3)

