Ausgabe Juni 2026: Auslese. Marias Bücherblog

Aktuell

Maria Lehner:

Die Welt als flüchtiges Archiv.
Gedanken zu Isabella Breiers Roman „Kosmo“

 

Memory is the seamstress, and a capricious one at that. (Virginia Woolf)

 

Erinnerung als launische Näherin, als eine (wie es im Originalzitat weiter heißt), die auf und ab, hierhin und dorthin sticht? Fällt mir das jetzt ein, weil der Bummelzug wie eine Nähmaschine durch den Wald rattert? Oder hat es mit dem Buch zu tun, das ich grade lese? Die Frage ist ja: Wie (un)zuverlässig ist unsere Erinnerung? Und was bedeutet Erkenntnis in einer Welt, die sich ständig verändert, so wie die Fichtenschonung, die gerade an mir vorübergleitet? Es entsteht ein Effekt, wenn das Auge die vorbeiziehenden Bäume in kurzen Abständen fixiert und die Lücken dazwischen wie ein Verschluss wirken: als würde die Bewegung in Einzelbilder „zerhackt“ oder die Bäume würden flimmern bzw. stillstehen. Und dann setzt das Gehirn bei bestimmten Geschwindigkeiten diese Einzelbilder zusammen…

Schon nach den ersten Seiten war ich lesend in diesen Modus geraten. Der Septime Verlag, ein unabhängiger österreichischer Verlag mit Sitz in Wien, verlegt mit „Kosmo“ (von ihm bezeichnet als Groteske und bereits am Buchanfang untertitelt als „Investigationsexpeditionsdokumentation“) ein Werk, das sich dezidiert an Leserinnen und Leser richtet, die formale und gedankliche Herausforderungen schätzen. Was hat mich wohl mehr durchgerüttelt? Der Streckenabschnitt der ratternden Lokalbahn oder die instabilen Räume im Text? Ich hatte mich entschlossen, aufzubrechen mit der Hauptfigur aus einer „im Süden der hiesigen Satellitenstadt gelegenen Designergarconnière mit stattlichem Balkon“ (S. 23) in Athens Stadtteil Plaka, von dort nach Aquarólimni und weiter bis hin ins griechische Dorf Kosmo an den Platz der Platanen.

Bald ist klar: Das ist einer der Romane, die sich nicht damit begnügen, eine Geschichte zu erzählen; er will die Bedingungen des Erzählens selbst befragen, die Mechanik des Erinnerns freilegen, die Risse im Bewusstsein sichtbar machen. Mit der 1976 in Gmünd geborenen Isabella Breier ist eine Erzählerin am Werk, die den Eindruck erweckt, dass sie sich selbst permanent hinterfragt und uns daran teilnehmen lässt. Immer wieder durchbricht sie Konventionen, etwa mittels durchgestrichener Druckzeilen: Soll man die nun lesen oder nicht? Eine so radikale Formgestaltung erzeugt für mich ein Wechselspiel zwischen Distanz und Sog. Die ästhetische Konstruktion überstrahlt die erzählerische Bewegung, und wie die Protagonistin auf ihren „mit Fixseilen und Auffangnetzen ausgestattetem Lebensweg“ (S. 23), muss ich mich ständig neu orientieren. Für das Leben der Hauptfigur gilt: „In keinem Bereich schlug ich jemals über die Stränge“ (S. 29); selbst alles erforderliche Unbesonnene wird besonnen geplant. Auf ein Stellenangebot im „Hybridkolleg“ (S. 37) bewirbt sie, Florine, sich. Sie wird aufgenommen und unterfertigt ihren Vertrag mit dem neuen Decknamen „Chave“. Sie erhält eine rätselhafte Audiodatei, die sogenannten „Gespensterprotokolle“. Deren Urheberin, Louise, verschwindet kurz darauf spurlos. Was wie der Auftakt zu einem Kriminalfall klingt, entpuppt sich als Ermittlung im Inneren der Wahrnehmung, als Expedition in jene Zonen, in denen Erinnerung, Fantasie und Erkenntnis ununterscheidbar werden. Sie reist schließlich „per Windkanal quer durch die Zeit“ nach Athen (S. 52).

Chave tastet sich mit der Präzision einer Wissenschaftlerin und der Verletzlichkeit des Individuums durch die Welt. Ihr Beruf – oder ihre Berufung – besteht darin, das Flüchtige zu fixieren: Stimmungen, Denkbewegungen, feine Verschiebungen im Inneren. Dieses Vorgehen birgt eine gewisse Hybris, denn wer könnte schon behaupten, das Unfassbare zu ordnen, ohne selbst in dessen Strudel zu geraten? Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin, aber nicht im klassischen Sinne. Ihre Unzuverlässigkeit ist die eines Menschen, der sich selbst beim Denken zusieht und dabei unmerklich aus der Spur gerät. Für mich als Leserin schimmern im Schatten des Metapherndickichts ständig Bilder, und da steht ein Gefahrenzeichen: Nur nicht zu lange verweilen, nur nicht den Handlungsstrang verlieren! Ist man in den Roman einmal eingetreten, weiß man nicht, ob man je wieder auf demselben Weg hinausfindet. Apropos heraus: Der Zug hält, am Bahnsteig werde ich erwartet. Das Buch steckt im Rucksack. Ich bin in bekanntem Terrain. Im Gegensatz zu Chave.

Abends finde ich das Buch (oder es findet mich) wie absichtslos auf dem Nachttisch. Ich will noch einen Blick hineinwerfen und kippe in die Simulation einer über Bulgarien führenden Busfahrt auf die Seite 56, die aus vier Textzeilen und einer 36-zeiligen Fußnote besteht! Und weiter geht die Reise: Chave folgt den Spuren in eine griechische Ortschaft, die weniger ein geografischer Ort ist als ein Aggregatzustand der Wirklichkeit. Es geht über den Peloponnes nach Aquarólimni, zum Schildkrötenstrand, zur Möwenbucht und von der Landzunge an den Platz der Platanen und ins Ariadne-Haus. Jetzt sind wir also in Kosmo angelangt (S. 58). Obwohl „Kosmo“ im 21. Jahrhundert spielt, liest sich der Roman wie ein Seismograf unserer Gegenwart. Breier zeigt eine Welt, in der Datenfluten ebenso unzuverlässig sind wie Erinnerungen, in der digitale Archive versprechen, alles zu bewahren, und doch im entscheidenden Moment ins Leere greifen. „Kosmo“ – das klingt doch nach Ordnung? – ist einmal (S. 82) ein lebendig-pittoreskes Dorf, inszeniert für Touristen, dann wieder ein einsames, überwachsenes Ruinenensemble (S. 135). Ja, Kosmo entzieht sich jeder Ordnung. Häuser sind da und dann auch wieder nicht, sie verlieren ihre Konturen. Gespräche kippen ins Absurde, und die Menschen wirken wie Figuren, die sich selbst nicht sicher sind, ob sie real sind oder nur in jemandes Erinnerung existieren. Und doch riecht es unverkennbar nach Apfelstrudel (S. 113) – wird das die Protagonistin erden? Kurz darauf heißt es, hier werde es einst ein Hotel „Methávrio“ („Übermorgen“) geben – derlei Wortspiele erfreuen des Griechischen Kundige besonders. Die Realität hat in diesem Landstrich eine poröse Qualität. Die Reise ist weniger eine Bewegung im Raum als eine Bewegung im Bewusstsein. Die Protokolle, die Chave anfertigt, wirken wie Versuchsanordnungen: präzise, analytisch und doch immer wieder durchzogen von poetischen Ausbrüchen.

Der Roman entfaltet sich in Aufzeichnungen, Fragmenten, Protokollen, Erinnerungsfetzen. Diese Form ist nicht bloß ästhetisches Spiel, sondern Ausdruck einer Haltung: Die Welt ist nicht linear, also kann auch die Erzählung es nicht sein. Breiers Sprache ist das eigentliche Zentrum dieses Romans. Sie ist klar und zugleich schillernd, präzise und doch voller Schwebezustände. Der Roman erzeugt durch das bewusste Nachahmen wissenschaftlicher Formate eine subtile Satire und erinnert damit an Jean Paul: Auf manchen Seiten treten Elemente, die sonst „um den Text herum“ stehen, in den Vordergrund und werden zuerst Teil der Erzählung, verdrängen sie dann aber fast: Da wären 169 Fußnoten, mehrzeilige Kapitelüberschriften, plötzliche Kursiv-Einschübe oder Schriftartenwechsel, eingestreute Bezeichnungen in griechischen Buchstaben wie zum Beispiel Βράχoς με φίδι (ein Toponym: „Fels mit Schlange“), ein Mini-Glossar und so weiter. Schlagartig erreichen den Leser da und dort Sätze, die wie kleine Erkenntnisfunken wirken – etwa beschwört sie die Bröckeligkeit des Gedächtnisses, die Sehnsucht nach Ordnung, die Unmöglichkeit, das Leben festzuzurren, ohne es zu verraten. Dann wieder liest man, dass Menschen in matschig gewordenen Gedanken einsinken könnten und sich dann an einen „Strohhalm klammerten oder per Liane über den zum Graben gewordenen Gang der Deutung der Geschehnisse hievten“ (S. 16). Die Groteske, die immer wieder aufscheint, dient dazu, die Welt in ihrer Absurdität sichtbar zu machen.

Wie geht wohl für „Chave“ der Auftrag zu Ende? Ist er erfüllt? Was wird danach geschehen? Wird meine Wunschvorstellung, nach dem Lesen mit einer neuen Perspektive auf die Welt belohnt zu werden, eingelöst?

Wie schon gesagt: Erinnerung ist eine launische Näherin. Ich rufe sie nach dem Zuklappen des Buchs auf der Rückreise auf. Gerade rauscht im Schnellzug die Landschaft vorbei. Das ist es: Erkenntnis als eine ständig im Wandel befindliche Haltung … Sinn immer wieder neu bilden, sich nicht an Wahrheiten festklammern. Eine Art waches Gleichgewicht. Sich auf Neues einlassen, ohne die eigene Mitte zu verlieren; Wandel zulassen, ohne sich von ihm bestimmen zu lassen.

Ich weiß jetzt, wem ich das Buch schenke. Nicht DAS, sondern eines der Exemplare, die im Buchhandel auf uns warten.

Mehr über die Autorin unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Isabella_Breier

Isabella Breier: Kosmo. Roman. Wien: Septime, 2026. Gebunden. 336 Seiten, 25,70 € [A]. ISBN: 978-3-99120-077-2