Maria Lehner:
Die unsterbliche Todin oder: Else Heims Auferstehung
Sophie Reyer: „Tod bei den Salzburger Festspielen“
Wo ist der Tod verlässlich anzutreffen? Natürlich in Salzburg, bei „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, dem Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal. Am 1. Dezember 1911 wird es im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt und ab 1920 jedes Jahr bei den von Reinhardt und Hofmannsthal begründeten Salzburger Festspielen gespielt.
Sophie Reyer legt nun einen Roman vor, der auf, hinter, neben und abseits der Festspielbühne spielt. Es ist eine dieser beeindruckenden Frauengeschichten, die sie mit ihrem Gespür und ihrem großen literarischen Talent aufspürt und realisiert – und die, wie so oft bei ihr, eine wohltuende Mischung aus zeitgeschichtlichen Belegen und Fiktion ergeben. Ich mag ihre Herangehensweise in Romanen wie Hexensommer, 1431, Merlins Tochter, Die Wilderin und Mariedl. Dass und wie sie sich nun auch dieses Stoffes – realisiert als historischer Kriminalroman – angenommen hat, bereitet Lesefreude.
Worum geht es diesmal?
Else Heims (1878–1958), die zu Unrecht vernachlässigte Schauspielerin und erste Ehefrau Max Reinhardts, endlich vor den Vorhang zu holen, ist gelungen. Mancher Stoff muss warten, bis der oder die Richtige kommt. Sophie Reyer ist die Richtige. Sie verwebt Zeitgeschichte mit Theatergeschichte und ordnet den Roman dramaturgisch an: Wollen – Widerstand – Wandel – Konsequenz – Höhepunkt. Einzelne Erzählstränge bewegen sich aufeinander zu, werden von Prolog und Epilog gerahmt und durch Zwischenspiele (Intermezzo 1, Intermezzo 2) unterbrochen. Sie führen uns vom Jahr 1882 bis ins Jahr 1937, in dem in Salzburg bei den Proben zu den Festspielen zweimal hintereinander die Figur des Todes – ausgerechnet des Unsterblichen! – Opfer wird.
Parallel dazu erleben wir Else Heims Weg: ihre Kindheit, ihr Heranwachsen, ihren Eintritt ins Theater, ihre Jahre an der Seite Max Reinhardts, ihre Mutterschaft, ihre Trennung – und schließlich den Punkt ihrer „Rückkehr“, an dem die Handlung kulminiert.
In Salzburg sind zwei Morde aufzuklären. Der Ermittler, Kommissar Oscar Breitensee, tut das – nicht immer unverzagt und manchmal sogar zu mutig. Das Ableben von Erst- und Zweitbesetzung gibt Rätsel auf. Und das alles im Jahr 1937, in dem – wie auf dem Titelbild von Zorica Jovanovic so eindrucksvoll zu sehen – hinter der eleganten Stadtkulisse bereits Blut, Brand und Dunkelheit am Horizont dräuen.
Ein Pfarrer, ausgerechnet „Braun“ genannt, beschwert sich, dass der „Jude“ Reinhardt Unglück in die Stadt bringe und Gott spielen würde. Tod dem Regisseur also, um das Gelingen des Stücks zu verhindern? Und das zum Preis von Menschenleben?
Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal sind als jüdische bzw. jüdisch assimilierte Gründerfiguren der Festspiele nach 1938 systematisch aus der Geschichte gelöscht worden (vgl. https://www.archive.jewishnews.at/ – die Ausstellung „Jedermanns Juden“ dokumentiert dieses „fatal dismantling“ durch die Nationalsozialisten).
Der „Tod“ im ursprünglich jüdisch‑geprägten universalistischen Moralspiel steht für eine moralische Instanz, einen Erfüllungsgehilfen des Schöpfers. Nach 1938 wird er zur Bestätigung einer autoritären, göttlich legitimierten Ordnung, jenes höchsten Wesens, das über allem steht – und passt damit perfekt in die NS‑Ideologie und die entsprechende Fest- und Feierkultur. Die uminterpretierte Figur fordert „Gehorsam“, vollstreckt „Schicksal“, ordnet den Einzelnen dem „Gemeinschaftswillen“ unter.
Soll also der Tod als erster sterben und den Wandel der Tradition einleiten? Das würde gut ins Bild passen, jedoch …
Während wir uns diese Fragen stellen, begleiten wir in Parallelerzählungen Else durch ihre Lebensjahrzehnte. Wir begegnen dem Kind, das schon als Vierjährige zwischen Engeln und Geistern wohnt und in liebloser Strenge zu verdorren scheint. Wir bedauern das traurige Bündel Mensch, das in Rollen, Gesten und Bewegungen anderer schlüpft, in die Kleider der Mutter passen und von dort in deren Herz kriechen will.
Das Theater mit dem Sog der Sprache und der Macht der Worte, „die in ihrem Mund aufspringen, als wären sie Blüten“ (S. 59), und die „Fremdheit des Geschehens auf der Bühne“ (S. 61) geben der Heranwachsenden Halt. Einen langen Weg geht sie, bis sie selbst auf der Bühne stehen wird, bis sich Max Reinhardt in sie verliebt.
Ist es denn Liebe? Oder scheint es ihr nur so, weil sie diese immer entbehrt hat? Ist es nicht vielmehr Bewunderung für die Frau, die sich mühelos Texte merken und sie brillant umsetzen kann? Er begehrt sie, benutzt sie, wirft sie weg. Die Trennung erfolgt 1919, die Scheidung erzwingt er erst 1935. Und 1937 ruft er sie zurück – nicht als Gefährtin, sondern als Schauspielerin. Reinhardt ist unter Druck: Wer kann so kurz vor der Aufführung den Tod darstellen, die Lücke füllen, die durch die Ermordung der vorangegangenen Besetzungen entstanden ist? Else, die Frau, die schnell lernt.
Soll sie auf sich halten und sich zieren? Nein. Sie, die Todin, zögert keine Sekunde. Sie kommt. Aber nicht untertänig, nicht als Schatten Max Reinhardts, nicht als Fußnote der Theatergeschichte. Sie kommt als jemand, der die Fäden sieht, die hinter dem Rücken gezogen werden, als Frau, die gelernt hat, dass man sich selbst zurückholen muss, wenn andere einen abdrängen.
Sie, die immer die Gewänder derer trug, von denen sie geliebt werden wollte, trägt den Tod im Jedermann als das Gewand, das ihr endlich passt. Sie bleibt. Sie spielt. Sie überlebt einen Tötungsversuch.
All das geschieht ausgerechnet jetzt, vor dem annus horribilis 1938 – ein Kunstgriff der Autorin, hier die Fiktion einsetzen zu lassen, denn die Ermordung der zwei Darsteller und die Rückkehr Heims hat es nie gegeben.
Der Mörder scheint – wie Else in ein Kostüm – in ein fremdes Gewand zu schlüpfen: „Wenn der Schmerz zu groß wird, verwandelt er sich, und alles liegt dann allein in seinen Händen“ (S. 156). Dieser Schmerz! „Else schluckt. Und plötzlich hört es auf. Der Schmerz ist verschwunden.“ Wie das?
Durch poetische Gerechtigkeit und eine Veränderung der inneren Topografie: Reyer schafft schreibend alternative Möglichkeitsräume und macht Else Heims sichtbar. Dies erscheint mir das Wesentliche an diesem Roman.
Sophie Reyer: Tod bei den Salzburger Festspielen. Historischer Kriminalroman. Köln, Emons, 2025. 240 Seiten. Taschenbuch. ISBN 978‑3‑7408‑2585‑0, € 15,50 (A).

