Maria Lehner:
Hic vagantur tapiri. Gedanken zu “HOMO TAPIR.
Chronik einer Paarung” von Regine Koth Afzelius
“Hic vagantur tapiri, bestiae mirae et placidae, quarum natura a peregrinatoribus raro visa, saepius narrata est. Caveat viator: non periculum hic latet, sed obscura quaedam suavitas”. [1]
Alte Karten, so der Hunt-Lenox-Globus aus ca. 1510 und der Straußenei-Globus aus 1504 enthielten Marker für das Unbekannte – dort hieß es “hic sunt dracones”, womit gesagt war, dass hier das Reich des Unbekannten beginne und gleichzeitig das allgemeine Wissen ende, man also nur mehr auf Spekulationen angewiesen sei. Aber schon auf der Fra-Maurus Karte aus 1450 meldet der Kartograph Bedenken an: Sind diese Drachen und die Beschwörung vom Ende des Vertrauten bloß Erfindungen von Historiographen?
So werden Karten zum Erzählraum. Hier ist es ein Raum, der von Salzburg ins Waldviertel und nach Wien reicht.
Erzählt wird die Geschichte einer modernen Beziehung. Dabei wird nach Beziehungsfähigkeit insgesamt gefragt und danach, ob eine Beziehung nur „echt“ ist, wenn sie permanentes örtliches Miteinander meint und auch danach, ab wann man zwei Menschen verlässlich ein „Paar“ nennen kann.
“Hic vagantur tapiri” hieße es wohl in Bezug auf Paul, den Protagonisten eines der berührendsten Bücher, das ich seit Langem gelesen habe: Da streift er umher, un tapir des lisières, an den Rändern und Übergängen… Aber warum dann der Plural ”tapiri”? Paul, wie er als Romanfigur genannt wird, ist nicht der (eine) Tapir, sondern – er ist „Tapire“. Eine ganze Herde sanfter, selten gesehener, Wesen. Da wäre einmal ein Sanftmütig-schwärmerischer, einmal ein Dozierend-polternder, einmal ein dem Ernst des Lebens abholder ”Lustikus”, einmal ein in transgenerationalem Schutt Schürfender, einmal ein sich in einen Junggesellen-Kokon Einhüllender … Diese ganze Herde hat Platz, wo ein großes Herz schlägt: In einem weinviertlerischen Kosmos voller Wärme und Wohlwollen, Netflix, gedeckten Tischen mit Freunden und duftenden Schaumbädern. Der Tapir fühlt sich mehr und mehr heimisch, wo “Hyhner” scharren, der Hund dahertrottet und alles andere an belebter Natur vorhanden ist, das schließlich in der “Danksagung” am Buchende vorkommt (ja: auch Eichen-Prozessionsspinner). Dort haben viele Freunde Platz, die famose Ratgeberin Tonie zum Beispiel, und eben auch etliche Pauls.
Das Stückchen Welt, das die Ich-Erzählerin bewohnt, scheint fürs Erste ohne Grenzen im üblichen Sinn auszukommen. “Wer seinen Garten nicht einzäunt, wird den Applaus der Schmetterlinge haben”, las ich als Jugendliche in einem Pfarrblatt; damals erschien mir die Metapher unbrauchbar: Applaus – etwas so Lautes und dann die zarten Schmetterlingsflügel? Wie vieles, das sich etliche Lebensstationen später erschließt, verstehe ich gerade jetzt durch die Autorin, wie Schmetterlinge applaudieren könnten: völlig geräuschlos aber durchaus wahrnehmbar, bloß durch Flügelschlag. Und wie applaudieren Tapire? Wahrscheinlich einfach durch die Immer-wieder-Wiederkehr.
Moderate Einzäunungen gibt es in jedem Beziehungsgefüge; Regeln sind eher durch Beobachtung erschließbar. Gesetze des Funktionierens weist auch diese Welt auf, in der die Ich-Erzählerin einen klaren und wahrscheinlich klugen Plan für das Einschlichten des Geschirrspülers hat. Was sind triviale, was sind „elaborierte“ Gelingensbedingungen für das Alltagsleben? Eher das Nachdenken über Giorgo Agambens These über die Ausnahme von der Regel oder das rechtzeitige Hinausstellen der Mülltonne? Regine Koth Afzelius erzählt mit großer Hingabe über marginal Scheinendes und erschafft so einen Bilderbogen sondergleichen. Ja: das Einfache ist komplex, das Private ist politisch, das Unerzählbare ist Botschaft – für uns da draußen außerhalb dieser Wunderwelt.
Manchmal ist die Ich-Erzählerin ein/e “man”, sehr tapfer, um “absichtslose Neigung” bemüht. Nicht fassbar ist sie dort, wo sie – von sich selbst abgrenzend – bemerkenswerten Konstrukte formt wie: “Ich werde weinen, sagt man”. Darüber hinaus hält sie ein Raritätenkabinett der Sprache bereit. Da leuchten Pretiosen in kleinen Schatzkästchen auf, wie zum Beispiel das Wort “klandestin” für das im Verborgenen stattfindende Laden des Handys oder Tapir-Pauls “Unpaarhufabdruck” und seine sich “salathäuptlartig” zusammenkrampfenden Ohren. Wer Wort-Schätze mag, wird bei Regine Koth Afzelius immer wieder fündig.
Was den Roman für mich darüber hinaus auszeichnet ist, dass er die literarische Verschriftlichung von Facebook Posts ist, die einer sich über Jahre hinziehenden Sitcom ähneln. Ah: genau – das war damals, als die beiden in der Sendung im Fernsehen waren! Ja, stimmt – der Haarschnitt des „Paul“, der einen erstarren ließ und schließlich… Für Menschen, die schon lang mit den beiden auf Facebook verbunden sind, liest sich manches vielleicht anders als für andere. Aber alle finden daran und darin Themen, die sie interessieren, ja vielleicht betreffen.
Besonders gut gefällt mir das Spiel mit der Neugier des Betrachters. Auf der Seite 13 schon wird gefragt “Seid ihr jetzt ein Paar?” Etwa nicht? Im Titel heißt es doch bereits “Chronik einer Paarung” – na also! Und am Schluss vernimmt man: “Sollen sies doch glauben. Hauptsache es funktioniert”.
Der Voyeur am Fenster wird verlacht vom kartenzeichnenden Kamaldulenser Mönch Fra Mauro, der uns – es klingt fast hämisch – über die Mauern des Klosters von San Michele aus zuruft: “Haec sunt speculationes!” Recht hat er: Spekulationen des Lesers und der Leserin. Nicht nur die Behauptungen auf den alten Karten, auch die Vermutungen, die wir beim Lesen anstellen, bleiben Mutmaßungen. Das Offenbleibende zieht uns an. So soll es sein.
Die Autorin hat bisher vier Romane vorgelegt: Der erste, erschienen bei Müry Salzmann („Die letzte Partie“, 2015), fehlt mir noch in meiner Leseliste, aber “Der Kunstliebhaber” (Edition Roesner, 2019), „Die Leibwächterin” (Edition Roesner, 2022) und dieser, 2025 ebenfalls bei der Edition Roesner erschienen, machen Lust auf mehr. Weil ich hoffe, dass Regine Koth Afzelius ihren Schreibrhythmus beibehält, verspüre ich neben gegenwärtigem Lesegenuss bereits Vorfreude auf ihr nächstes Buch: Es bleibt spannend!
Regine Koth Afzelius: Homo Tapir. Chronik einer Paarung. Maria Enzersdorf: Edition Roesner. artesLiteratur, 2025. ISBN: 978-3-9505711-6-5. 224 Seiten. € 24.50.
[1] „Hier streifen Tapire umher, / wundersame und sanftmütige Tiere, / deren Wesen von Reisenden/ selten gesehen, /, öfter erzählt wurde. / Der Wanderer sei gewarnt:/ Nicht Gefahr lauert hier, sondern eine gewisse dunkle Süße.“ (dies ist kein Zitat, sondern eine Sprachspielerei im Stil alter Karten)

