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Persönlich berührend - historisch relevant

2017-04-11
 

ÖKV Vortrag von Manfred DraudtTrotz Karwoche und Urlaubszeit war das Interesse am Vortrag von Univ. Prof. Dr. Manfred Draudt wieder einmal sehr groß. Knapp 50 Gäste folgten seinen interessanten Ausführungen zum Tagebuch von Miss Alice Frith, einer von 1910 bis zu ihrem Tod nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien lebenden englischen Gouvernante. Mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen schilderte Draudt die Lebensumstände im Wien der letzten neun Kriegsmonate, in denen Alice Frith ihr Tagebuch führte. Eintragungen zu den alltäglichen Sorgen in der Beschaffung von Nahrung und Bekleidung, entsetzte Schilderungen der gegen Kriegsende enorm zunehmenden Bombardierung und ihrer Folgen für die Zivilbevölkerung zitierte er ebenso wie angesichts des Grauens ringsum fast banal wirkende Überlegungen zum Umgraben des Gartens hinter dem Haus oder Angaben zu den kargen Menüs, die mit dem wenigen Vorhandenen möglich waren.

Immer wieder wies Draudt auf die erstaunliche Objektivität und den nicht zu unterdrückenden 'englischen Humor' von Alice Frith hin, die in ihren Tagebuchseiten zum Ausdruck kommen. Als außergewöhnlich beschrieb Draudt auch ihre sowohl englische als auch österreichische Sicht auf die Geschehnisse, die der Verfasserin einen gleichsam „neutralen" Blick erlaubten.

Anders als bei vielen Erinnerungen, die im Nachhinein geschrieben wurden, legt dieses Tagebuch Eintrag für Eintrag im Augenblick des Erlebens authentisch Zeugnis ab. Damit wird es, abgesehen vom menschlich berührenden Eindruck, den es beim Lesen hinterlässt, auch zu einer wichtigen historischen Quelle.

Eine Engländerin in Wien/An Englishwoman in Vienna

 

 

Gemeinsam mit dem Historiker Andreas Weigl hat Manfred Draudt eine zweisprachige kritische Edition dieses einzigartigen historischen Dokuments mit Kommentar und erläuternder Interpretation herausgegeben. Das beim Vortrag aufliegende Buch fand bei den Gästen ebenso großes Interesse wie die anschließend geführten Gespräche in gewohnt aufgelockerter Atmosphäre.

 

 

Bilder: Maria Dippelreiter (11), Ivo Dürr (1)

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