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22. Wiener Kulturkongress: 1968 – was ist geblieben?

ÖKV Förderkreis

2017-11-17
 

Der 22. Wiener Kulturkongress „1968 – was ist geblieben?“ versammelte am 13. November beim Festvortrag von BM a.D. Univ. Prof. Dr. Heinrich Neisser über hundert Personen im Festsaal der Diplomatischen Akademie. Neisser forderte eine gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung der Ursachen, Ereignisse und Folgen des ominösen Jahres.

Eröffnungsvortrag Heinrich NeisserEr verwies auf die Reformen der Allein-Regierung Klaus, auf denen Bruno Kreisky in der Folge aufbauen konnte. Die 68er-Bewegung sei eine breite Mischung von Ideen aus sozialistischem Neomarxismus, Feminismus und alternativen Lebenszielen gewesen.

In Österreich habe es sich nicht um eine genuine Revolte gehandelt, die Bewegung sei Impulsen aus dem Ausland gefolgt. Dies führte einerseits zu einer Politisierungswelle in der Jugend mit anti-autoritären Zielen und andererseits zu einer Demokratiediskussion.

Genuin in Österreich war jedoch die Revolte in der Kunstszene, die unter dem Namen „Österreichischer Aktionismus“ in die Kunstgeschichte einging.

Tags darauf unterstrich unter der Moderation von Michael Dippelreiter im Panel I (Entwicklungen in Österreich) Helmut Konrad die damals im Vergleich zu Deutschland in Panel IÖsterreich nachgeholte Auseinandersetzung mit der Kriegsgeneration und der Nazi-Zeit. Als Bewegung der Studierenden sei die Gesamtbilanz bescheiden, die Bewegung war zu klein und zu spät – es war, mit Ausnahme der aktiven Kunstszene und ihrer Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen, eine „Imitationsrevolte“.

Für Rudolf Bretschneider war 1968 ein „Nichtereignis“, ein Mythos, der in den 70er Jahren entstanden ist. Es gab keine Gewaltanwendung und keine Extreme, wohl aber einen Wandel des Lebensgefühls. Unter Anspielung auf das Bonmot von Ernst Hanisch meinte Bretschneider: „Ja, 1968 war mehr als nur ein Beistrich, es war ein Satz, aber in einer Fußnote“…

Im Panel II (Bildung) unter der Moderation von Maria Dippelreiter wies Ernst Bruckmüller auf das Continuum der Reformdiskussion seit 1962 (Schulgesetze) hin. 1968 sei es zu einer Panel IIInvasion eines deutschen Spätidealismus in marxistischer Einkleidung gekommen, die Österreich, dem Lande der Positivisten (unter BM Mock „vorwegnehmende“ Reformen wie Institutsvertretungen, Drittelparität), nicht gut getan habe. Bruckmüller unterstrich die damalige Bedeutung des Cartellverbandes bei der Vermittlung einer allgemeinen, umfassenden Bildung. Werner Lenz sah im Zentrum der 68er-Bewegung die anti-autoritäre Erziehung, eine Pädagogik der Unterdrückten und die Gleichstellung der Frauen. Es gab einerseits einen Hunger nach Wissen, aber auch, bei aller Abnabelung, die Suche nach Autorität (d.h. Sicherheit). Ohne Zweifel sei es zu einem Wandel der Autoritätsverhältnisse gekommen und zu einer Änderung der Arbeitswelt (Akademisierung, Professionalisierung). Aber Lenz stellte auch eine Ökonomisierung des Bildungswesens fest und die Entwicklung einer „Bildungsindustrie“. Geblieben sei die Erwachsenenbildung, eine vermehrte Anstellung von Frauen, die Achtsamkeit für jeden Studierenden, die Kooperation unter den Kollegen, die tertiäre Bildung als Lebensform und das „Hören beim Reden“.

Im Panel III (Frauen) unter der Moderation von Marcus Bergmann erinnerte Irmtraut Karlsson an das bereits 1967 erschienene Buch „Sexualität ist nicht pervers“, welches auf Panel IIIGrund einer vorangegangenen Vortragsreihe entstanden sei. Das Ziel der Frauenbewegung sei die Emanzipation aller gewesen, darunter das Recht der Frau auf die Bestimmung über den eigenen Körper, die Aufklärung, Verhütung und Abtreibung. Mit der Kleinen Strafrechtsreform kam es zu einer Entkriminalisierung der Homosexualität und zur Fristenregelung. Als Spätfolge der Frauenbewegung hat sich die Situation der Frauen verbessert, jedoch nicht die soziale Durchlässigkeit; neue Wohnformen (etwa Wohngemeinschaften) entwickelten sich, die Einführung der Vorschule wurde eingeführt, das Kindergartenjahr wurde verpflichtend und Studentenkindergärten errichtet. Maria Mesner erinnerte, dass die SPÖ ab den 70er Jahren mit der Fristenreglung 1975 und den Anpassungen des Familienrechts 1975-78 alte Forderungen aus der Monarchie verwirklicht habe. Es wurde mit 1968 anerkannt, dass das Private auch politisch sei, ebenso wurden Frauen wieder politische Subjekte und politische Akteure. Als Langzeitfolgen ortete Mesner die Mütter- bzw. Elternkarenz, die Gleichbehandlung der Frauen in Führungsgremien, die Frauenquoten in den politischen Parteien, sowie - über die EU - das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare.

In Panel IV (Bürgergesellschaft und öffentliche Meinung) unter der Moderation von Andreas Wenninger skizzierte Michael Gehler in einem meisterhaften Tableau die politischen Panel IVEntwicklungen in Europa im Jahre 1968: die politische und handelspolitische Desintegration Westeuropas (de Gaulle; EWG/EFTA), die Trennung Osteuropas von Westeuropa (Invasion der CSSR, Breschnjew-Doktrin) und die außenpolitische Situation Österreichs (Bestrebungen zum Beitritt zur EG, Südtirol, CSSR-Krise). Als Fazit führte Gehler das Fehlen einer Antwort des Kommunismus auf die moderne Zeit, das Misslingen der Öffnung der kommunistischen Partei der CSSR von Innen, die Spaltung Westeuropas und die vorläufige Lösung des Südtirol-Konflikts an. Helmut Strobl berichtete über die Situation in Graz, wo es zu einem Protest gegen die NS-Elterngeneration gekommen war. Es kam zu einem kulturellen Aufbruch in Musik (Musikprotokolle), Literatur, bildender Kunst, Malerei (Wien: Msgr. Mauer), Architektur, Photographie, etc. Zu den Förderern der Kreativ-Szene gehörten der „Steirische Herbst“ als erstes Festival für moderne Kunst in Europa, das Kulturhaus, später „Graz 03“. Herausragende Unterstützer der Revolutionäre waren Hanns Koren, aber auch LH Krainer und Sohn, sowie Egon Kapellari, aber auch die Grazer Stadtregierung. Ziel war es, „die Phantasie an die Macht“ zu katapultieren. Graz wurde Kulturstadt aus dem Geist der 68er.

Peter Pawlowsky erinnerte, dass die „Wende“ in der katholischen Kirche 1962 mit dem II. Vatikanischen Konzil begann: In einem Klima der AuditoriumOffenheit ging man an die Aufarbeitung des Reformstaus heran. Es kam zu einer Emanzipation der Kirche von „Thron und Altar“, wobei er als Kernfrage die autoritäre Befehlsgewalt der römischen Zentrale ortete. Kritisiert wurden die Führungsmethoden der Hierarchie. Für das Christentum sei 1968 kein Jahr des Aufbruchs gewesen: Mit der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ sei es zu einer Beschädigung der Glaubwürdigkeit der Kirche gekommen. Aber 1968 hat das Christentum verändert, die Trennung von Religion und Politik und der Säkularismus führten zu einer Zurückversetzung in die Anfänge der Kirche, der Ökumenismus hat sich weiter entwickelt. Es kam zu einer Klärung des Verhältnisses zum Judentum und zur Einsicht, dass nur eine offene, bescheidene Kirche überlebt, sonst kommt es zu vermehrten Austritten und zur Ablehnung der Institution Kirche.

In kleinen Gruppen wurde abschließend bei einem Glas Wein heftig weiterdiskutiert….

Text: Christian Prosl | Bilder: Maria und Michael Dippelreiter

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