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21. Wiener Kulturkongress

2016-11-11
 

Der 21. Wiener Kulturkongress über "Politische Korrektheit und Deutungshoheit", zu dem sich an die 170 Personen angemeldet hatten, begann am 8. November mit einem fulminanten Vortrag von Univ. Prof. Rudolf Taschner, der in Anlehnung an Nietzsche mit dem Satz „Wir haben die Wahrheit getötet“ das Thema des Kongresses einläutete, denn: „Jeder hat seine eigene Wahrheit, Fakten werden ignoriert, und die eigene Wahrheit ist nicht verhandelbar“.
 
 
In einem umfassenden Referat stellte Michael Dippelreiter im Panel I „Wie sich die Zeiten ändern!?“ unter der Moderation von Marcus Bergmann die politische Korrektheit als Konstrukt einer Idylle dar, wenn sie hinterfragt werde, komme dies einer Vorverurteilung gleich. Dippelreiter erinnerte daran, dass sich Worte ohne Veränderung der gesellschaftlichen Realität verändern und stellte die provokante Frage, ob Kontroverse überhaupt noch gewünscht sei. Er plädierte für Toleranz, und zwar nicht nur für die eigene Meinung, sowie für die Akzeptanz anderer Meinungen. In der Folge widmete sich das Panel den Denkmalstürmern, wobei Tibor Szabo erinnerte, dass jedes Denkmal Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes sei. Peter Autengruber erklärte die Gründe für und die Vorgangsweise bei den Umbenennungen von Verkehrsflächen.
 
Michael Dippelreiter Szabo, Dippelreiter, Bergmann, Autengruber
 
 
Im Panel II „Lesen wir richtig – Lesen wir das Richtige?“ unter der Moderation von Jakub Forst-Battaglia wies Barbara Mader auf den Unterschied zwischen Zensur und Sensibilität hin und stellte fest, dass Kinderliteratur gut sein und den Kindern Mut machen müsse. Sie hob das grandiose Werk von Mira Lobe „Das kleine Ich-bin-ich“ als pädagogisches und psychologisches Meisterwerk hervor. Ronald Pohl behandelte das Verhältnis von Karl Kraus zu Heine, des „Ethisch Unzulässigen“ zum „Sittlich unbedingt Erforderlichen“, während Hildegard Gärtner das Phänomen der Politischen Korrektheit aus der Sicht der Praxis beschrieb: Man könne sich als Verlag oft aussuchen, ob der Sturm der Entrüstung aus der Richtung jener weht, die Politische Korrektheit fordern, oder aus jener, die dieselbe kritisieren – dabei gehe es doch gerade darum, einen Diskurs jenseits von Schwarz und Weiß zu führen. 
 
Pohl, Mader, Forst-Battaglia, Gärtner Hildegard Gärtner
 
 
Im Panel III „Sprache als Mittel zur Macht“ mit Maria Dippelreiter als Moderatorin stellte Tomas Kubelik seine Sichtweise in Bezug auf Schulbücher, aber auch Unterrichts- und Prüfungsmethoden sowie Leistungsbeurteilung dar. Er erinnerte an das Ziel der Schule, die geistige Emanzipation und Freiheit der Schülerinnen und Schüler durch den Diskurs zu fördern. Die Adressatinnen und Adressaten (aus der Sekundarstufe II) waren anwesend und bereicherten durch ihre Sichtweise die Diskussion. Heinz-Dieter Pohl unterstich in seinem Beitrag über die sprachlichen Grenzen der Politischen Korrektheit die Unterscheidung von grammatikalischem und biologischem Geschlecht und wandte sich gegen sog. „kreative Schreibformen“, die die Leser überfordern und bestehende Normen ad absurdum führen. Es bestehe kein Zweifel, dass die Sprachplanung die Sprache beeinflusse, aber ebenso klar sei, dass die Sprache allein keine gesellschaftlichen Probleme löse. 
 
Tomas Kubelik Pohl, Dippelreiter, Kubelik
 
 
Im von Helmut Brandstätter moderierten Panel IV „Politische Korrektheit nervt!?!“ ging Theresia Heimerl auf die Definition von Gender ein, vor allem auch, was sie nicht ist. Sie sei ein ideologischer Kampfbegriff mit dem Ziel, die Wirklichkeit zu verändern. Es sei aber zu bezweifeln, dass durch Geschlechtergerechtigkeit Gleichbehandlung erreicht worden sei. Peter Stiegnitz bezeichnete in seinem von Tobias Salfellner verlesenen Referat Politische Korrektheit als verlogenen diktatorischen Meinungszwang, der uns von den Wurzeln unserer eigenen Geschichte abschneide. Sie kaschiere ein ungelöstes, darunter liegendes Problem und sei daher lediglich sprachliche Kosmetik, da Schreibformen die Realität nicht beeinflussen. Lothar Tschapka forderte ein „gutes Maß“, und verwies auf die Auswüchse des Internets mit Hasspostings und Shitstorms, gegen die eine akzeptierte Politische Korrektheit möglicherweise eingesetzt werden könne. Es müsse Lösungen geben, die für eine breite Mehrheit der Gesellschaft akzeptabel seien.
 
Brandstätter, Tschapka, Heimerl, Salfellner Theresia Heimer
 
 
Die intensive Teilnahme des Publikums an der allgemeinen Diskussion bewies, dass die Österreichische Kulturvereinigung mit dem Thema den Nerv der Zeit getroffen hat. Die Ergebnisse des 21. Wiener Kulturkongresses werden im Laufe des nächsten Jahres als Publikation erscheinen. Wir werden Sie zu gegebener Zeit darauf hinweisen.
 
Fotos: M. Dippelreiter, F. Call
 
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